Bürgerlicher Wunschzettel zur Adventszeit …
09.Dezember 2006
Kanton Zürich: Passend zur Adventszeit präsentiert die Komission «Planung und Bau» die Teilrevision des Verkehrsrichtplans. Der Samichlaus ist schon vorüber und der Kantonsrat berät die Vorschläge der Komission erst im Januar – so geben wir der Kommission unterdessen eine klimapolitische Fitze aus der Blogosphäre.
Zürich steckt im Stau
Die Verkehrssituation in Zürich ist zu den Stosszeiten prekär. Wichtige Durchgangsstrassen und Ausfallstrassen sowie praktisch die gesamte Innenstadt sind am Feierabend immer öfter verstopft. Der öffentliche Verkehr wird dabei massiv behindert und auch für Velofahrer fehlt häufig eine Gasse um an den stehenden Kolonnen vorbeizufahren. Die Stimmung ist oft gehässig – soweit klar: es muss gehandelt werden.
Um die Engpässe im Grossraum Zürich zu beseitigen setzt nun die bürgerliche Mehrheit in der Kommission auf einen massiven und gegenüber dem Regierungsrat beschleunigten Ausbau des Strassennetzes. Mehr Kapazität = besserer Verkehrsfluss ist die Devise. Das Stimmenverhältnis in der Komission «Planung und Bau»: 9:6 (SVP, FDP, CVP und EVP gegen SP und GP)).
Stadt-Züricherische Kernstücke im 56 Strassenprojekte umfassenden Wunschkatalog sind:
- (1) Stadttunnel (4-streifig)
- (2) Seetunnel als Alternative zu (1)
- (3) Adlisbergtunnel
- Ausbau der Nordumfahrung (Gubrist) auf 6 Fahrstreifen (nicht auf dem Bild)
- (4) Ausbau der A1 Limmattal auf 8 Fahrstreifen
Die Verkehrssituation soll also mit Tunnelbauten und Leistungserhöhung bestehender Strassen (A1, Nordring etc.) verbessert werden. Absehbar ist jedoch, dass mehr Kapazität auch mehr Verkehr bedeutet und damit Staus nicht gesamthaft weniger werden, sondern sich verlagern. Beispiel Baregg: Rückgang der Staustunden auf der A1 im Jahr 2005 um 12% gegenüber 2004 (im Grossraum Baregg um 38.1%). Man merke: der Rückgang beträgt 38% d.h. das Stauniveau ist bereits wieder auf 62% des früheren Wertes! Neu bilden sich häufiger Staus am Gubrist. In der Schweiz haben die Staustunden total um 2% zugenommen. Die totale Verkehrsmenge hat zwischen 2004 und 2005 in der Schweiz um 1% zugenommen. Quelle: Bundesamt für Strassen ASTRA, Verkehrsfluss Nationalstrassen 2005
Aus den Augen, aus dem Sinn
Auffällig ist die grosse Zahl der sehr teuren Tunnelprojekte – Zürich soll nicht wie zuvor von Hochleistungsstrassen durchschnitten werden, sondern wie ein Käse durchlöchert. Dies ist aus städtebaulicher Sicht einleuchtend. Keine sichtbaren Autokolonnen und Staus, kein Landverlust, kein Lärm.
Doch die Folgen von forciertem Strassenausbau sind für das Klima und die Luft gravierend: Mehr Verkehrskapazität zieht mehr Verkehr nach sich. Die CO2 und Feinstaubemissionen nehmen dadurch proportional zu (noch wird nicht sparsamer gefahren). Es gibt dabei keine technische Möglichkeit die Tunnelluft zu filtern – das Luftvolumen pro Zeit ist bei einer Tunnellüftung dazu schlichtweg zu gross.
Sicher, der Richtplan beinhaltet auch viele wichtige Projekte des öffentlichen Verkehrs. Das Verhältnis der Kosten von 24 Mrd. Strassenbau zu 12 Mrd. öffentlicher Verkehr wie es an der Medienkonferenz genannt wurde, zeigt klar die Präferenzen.
(Verkehrs-)politische Alternative: Verkehrsreduktion durch Roadpricing
Eine verkehrspolitische Alternative zu mehr Strassenabbau ist die Verkehrsreduktion durch Road Pricing. London zeigt vor wies geht: Seit 2003 bezahlen Autofahrer für eine Fahrt ins Zentrum eine Gebühr (5 Pfund), die «congestion charge» – zu Deutsch «Stau-Abgabe». Der Erfolg ist enorm: Verkehrsreduktion: 21%, Verminderung Schadstoffe: 26% seit der Einführung 2003. Das Road Pricing ist mit vertretbarem Aufwand einführbar und führt zu Einnahmen (122 Mio. Pfund pro Jahr in London) – nicht zu den enormen Kosten die die Komission für Tunnels aufwenden möchte.
Das Road Pricing gekoppelt mit einem Ausbau des öffentlichen Verkehrs und des Langsamverkehrs ist ein modernes Instrument, mit welchem die Ziele Stauverminderung, Klimaschutz und die Verbesserung der Luftqualität erreichen werden können. In der Kommission des Kantons Zürich fehlen klimapolitische Visionen.
Autor: Jürgen Ragaller
Quellen:
Verkehrsrichtplan, Komission Planung und Bau:
Richtplantext der Baukomission (pdf)
Karte Verkehr (Blatt Nord) (pdf)
Karte Verkehr (Blatt Süd) (pdf)
Daten zum Verkehrsaufkommen in der Schweiz (ASTRA):
Daten und Publikationen ASTRA
Road Pricing in London (congestion charge)
Übersicht der Dokumente zur congestion charge (englisch)
4. Jahresbericht zum Road Pricing in London (2006) (Zusammenfassung, pdf (englisch))
Artikel gespeichert unter: Politik Schweiz

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