Anstieg des Meeresspiegels um 9 bis 88 Zentimeter oder um mehrere Meter?

22.Dezember 2006

In einem Artikel in der NZZ vom 20. Dezember 2006 („Neue Klimadaten und Modellrechnungen“ in der Rubrik Forschung und Technik) werden neue Forschungsergebnisse zitiert, die zu einer Korrektur des bisher geschätzten Anstiegs des Meeresspiegels nach oben, nämlich von bisher 9 bis 88 cm auf neu 55 bis 125 cm bis im Jahr 2100 führen.

Das scheint kein grosser Unterschied zu sein und überhaupt, für Binnenlandbewohner scheinen beide Varianten nicht so gravierend.

Eine wichtige Ergänzung ist hier jedoch nötig, um dieses Resultat richtig einzuordnen. In der Wirkungskette CO2 Anstieg – Temperaturanstieg – Anstieg des Meeresspiegels gibt es zeitliche Verzögerungen analog der Zeit die vom Einschalten des Herds verstreicht bis zum Überlaufen der Milch. Unter der Annahme, dass es gelingt, die heutigen CO2 Emissionen innerhalb von 100 Jahren drastisch zu reduzieren, erfolgt eine Stabilisierung der Temperatur erst nach einigen weiteren 100 Jahren. Der Meeresspiegel steigt jedoch dann immer noch weiter, nach 500 Jahren ist erst die Hälfte des Anstiegs erreicht, der volle Wert erst nach etwa 1000 Jahren.

Das unten gezeigte Bild aus dem IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) stellt diese Zusammenhänge grafisch dar. Dieses und weitere Bilder aus dem IPCC Bericht Climate Change 2001 Synthesis Report findet man hier.
Sind so langfristige Prognosen glaubhaft? Die „Zeitkonstante“ für den Anstieg des Meeresspiegels ist genauso elementare Physik wie das Analogon mit der Milch und deshalb genauso unausweichlich. Die grosse Trägheit wird durch die riesigen Massen von Wasser und Eis bedingt. Die Unsicherheit, die heute in den bestmöglichen Prognosen steckt, ist auch nicht durch eine Unsicherheit im ersten Glied der Kette, dem CO2 Anstieg begründet. Hier ist unbestritten, dass von dem momentanen jährlichen Ausstoss von 7 Gigatonnen der grösste Teil, nämlich 60 % in der Atmosphäre bleiben. Unter anderem durch Isotopenanalysen lässt sich die Verursachung des CO2 Anstiegs durch den Menschen zweifelsfrei nachweisen. Die Unsicherheiten, die wie z.B. beim Anstieg des Meeresspiegels durch einen Toleranzbereich ausgedrückt werden, stammen von einer nicht genügend genauen Kenntnis von Rückkopplungseffekten her. Z.B.: Durch eine Temperaturerhöhung steigt der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre und Wasserdampf ist ein ganz starkes Treibhausgas. Oder: durch Schmelzen des arktischen Eises nimmt die Wasseroberfläche zu, die mehr Wärme absorbiert als das Eis. Weiterführende Informationen zu diesen Punkten findet man auf der Webseite RealClimate. Eine Gruppe namhafter, aktiver Klimaforscher berichten dort laufend über die neuesten Erkenntnisse und sie beantworten auch Fragen mit grosser Ausführlichkeit und unter Hinweis auf wissenschaftliche Originalarbeiten. Link zur Startseite.
Warum gibt das IPCC den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2100 an und nicht den viel später erreichten und um Faktoren höheren Gleichgewichtswert? Es mag verschiedene Gründe geben z.B. der grosse Aufwand, die Modelle sehr lange laufen zu lassen. Im Interesse der Vergleichbarkeit verschiedener Modelle ist ein einheitlicher Referenzzeitpunkt wie das Jahr 2100 zweckmässig. Vielleicht spielt aber auch mit, dass man befürchtet, dass kaum jemand für Massnahmen gewonnen werden kann, die eine so ferne Zukunft betreffen. Oder sind manche Forscher auch eingeschüchtert durch den häufig geäusserten Vorwurf der Panikmache?

zeitskalen.jpg

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Klimablog » 5 Jahre&hellip  |  29.November 2011 at 08:49

    [...] verblüffende Aktualität diese Themen nach 5 Jahren noch haben: Der drohende beschleunigte Anstieg des Meeresspiegels und die “fossile” Verkehrs(-Ausbau)Politik im Kanton Zürich. In 74 Beiträgen [...]

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