Erdfieber- Mystik statt neuer Erkenntnis

23.Juli 2007

Wieder ein kritischer Bericht über die Klimaerwärmung im Feuilleton der NZZ vom 23. Juli 2007. Autor ist Gottfried Schatz, “als Biochemiker eine internationale Kapazität, emeritierter Professor der Uni Basel von 2000 bis 2004 Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats”. Philosophisch auf dementsprechend höchster Stufe erfolgt der Einstieg mit Popper: die Widerlegung einer These bringt den Fortschritt. Und es wird gleich noch eins draufgesetzt: “Wo alle gleich denken, denkt keiner besonders viel”.

Das könnte man als eine Ankündigung von besonders viel Denkarbeit verstehen. Weit gefehlt. In dem Beitrag werden die alten, immer von neuem widerlegten und mantramässig wiederholten völlig unwissenschaftlichen Einwände ausgebreitet.

Die Aussagekraft der Klimamodelle wird angezweifelt: “Die meisten der so errechneten Klimavoraussagen sind daher nicht viel mehr als das, was sie vor der Simulation waren – Vermutungen.” “Solange wir das Wetter der nächsten Woche nicht mit Sicherheit vorhersagen können, ist es mehr als kühn, das der kommenden Jahrzehnte zu prophezeien.”

Historische Daten, die mit unglaublicher Raffinesse und wissenschaftlicher Akribie zunehmend von den Klimaforschern erarbeitet und auch für die weitere Verfeinerung der Klimamodelle herangezogen werden, werden in einer völligen Umkehrung gegen die Zuverlässigkeit derselben angeführt mit einer reichlich mystisch hinterlegten Sprache: “Gestein und Eis erzählen das Epos eines eigenwilligen und rastlosen Planeten… Wer dem Epos aufmerksam lauscht, wird sich bewusst, dass wir das Erdklima derzeit weder verstehen noch voraussagen können.”

Den ersten Einwand haben wir schon in einem früheren Blog (“Sucht nach Prognosen”) kommentiert. Dazu gibt es auch eine umfangreiche Diskussion in RealClimate.

Der zweite Einwand kehrt die mustergültige Sorgfalt der Klimaforscher nach weiteren Bestätigungen ins Gegenteil. Dass von den weit zurückliegenden prähistorischen Klimaschwankungen noch nicht alles verstanden wird, liegt am Mangel an genügend Daten. Dennoch zeugt gerade bei diesem Thema das ständig fortschreitende Verständnis für den erstaunlichen Fortschritt der wissenschaftlichen Methodik im Bereich der Modellierung aber auch der Messtechnik, vor allem im sorgfältigen Vergleich der beiden.

Gottfried Schatz reiht sich sicherheitshalber in die Reihe der Klimaforscher ein: “Was sollen wir Wissenschaftler antworten, wenn man uns nach der Ursache der Klimaerwärmung fragt? Dürfen wir antworten “Wir sind uns nicht sicher” wie wir sollten? Oder müssen wir trotz unseren Zweifeln eine Ursache nennen – wie man es von uns erwartet? Viele von uns wählen den zweiten Weg und übertönen… die Stimme der Vernunft. ” Der Vorwurf, die Forscher beugen sich öffentlichem Druck ist ein starkes Stück und gehört ebenfalls zu dem üblichen Verhalten der unwissenschaftlichen Kritiker – merken sie nicht, dass sie mit ihren Gegenhaltungen viel mehr Aufmerksamkeit erhalten?

Die oberflächlichen Einwände bescheren uns sicher keine neue Erkenntnis im Sinn des Popper-Zitats. Und der ebenfalls bemühte Erwin Schrödinger, der den Autor, wie er sagt, inspiriert hat, sich Fragen zuzuwenden, die “manche Grenzen überschreiten” hat damit sicher nicht eine mystisch angehauchte statt einer wissenschaftlichen Stellungnahme gemeint.

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Torben  |  06.August 2007 at 15:47

    Es ist nicht zu übersehen, dass Industriezweige auf kosten der Umwelt Geld verdienen. Das wollen die weiter.
    Und ist Lobbyarbeit nötig – dann klappt es halt besser. Das haben die Zigarettenbarone gezeigt; jahrelange Desinformation verfehlt ihr Ziel nicht.

  • 2. Eddi  |  10.April 2011 at 00:46

    pCeXgU YMMD with that answer! TX

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