Teurer Atomstrom

15.Januar 2009

Der Stromverbrauch steigt, die Hauptenergiequelle Kohle kommt aus dringend nötigen Klimaschutzgründen unter Druck – die Atomenergie wird nach einer 30-jährigen Investitions-Pause wieder als Option vorgeschlagen – trotz verbreiteter Bedenken hinsichtlich Sicherheit, Endlagerung und Proliferation. Einige Elektrizitätsunternehmen in USA erwägen etwa zwei Dutzend neue Atomkraftwerke. Die Mehrzahl verfolgt jedoch eine andere Strategie – sie setzen auf Einsparungen, Alternativenergien, zentrale und dezentrale Energiespeicher und “intelligente” Netze (smart grids). Zwei unterschiedliche Strategien, die sich nicht wirklich kombinieren lassen, sondern in verschiedener Hinsicht konträr sind.

Über die genauere Beschreibung dieser Strategien und deren zugrundeliegenden Annahmen ist eine detaillierte und sehr sachkundige Studie erschienen: “Business Risks and Costs of New Nuclear Power” von Craig A. Severance . Der Autor kommt zum Schluss, dass neu zu bauende Atomkraftwerke ein hohes Risiko laufen, nach ihrer Fertigstellung unwirtschaftlich zu sein. Die Kostenabschätzungen von Severance kommen für ein Kernkraftwerk, das 2018 in Betrieb gehen wird, auf einen wahrscheinlichen Strompreis von 30 cents pro kWh – und damit weit über den heutigen Gestehungskosten (zwischen 5 und 10 cents pro kWh). Die Annahmen, die er dazu trifft, können natürlich im Detail diskutiert werden, so plädieren z.B. Kritiker aus der Nuklearindustrie für eine kürzere Abschreibungsdauer. Grundsätzlich wird die Methodik von Severance jedoch nicht bestritten – wie eben gerade diese Kritiken am Detail beweisen. Langfristige Kostenabschätzungen dieser Art sind ja auch immer mit Unsicherheiten behaftet. Interessanter sind jedoch die in dieser Studie sehr gut zusammengefassten technischen und kommerziellen Entwicklungen der letzten Jahre, eigentliche Umbrüche, die die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen für Gross-Investitionen, wie sie Atomkraftwerke im Extrem darstellen, grundlegend verändern.

Die wichtigsten dieser Entwicklungen sind: Privatisierung der Versorgungsunternehmen, Wettbewerb in der Produktion, freier Netzzugang für alle Produzenten, neue alternative Energiequellen auch für Kleinanlagen mit schnell fallenden Kosten, neue Technologien zur Speicherung von Elektrizität sowie zur Steuerung und auch Einsparung des Verbrauchs. Jeder einzelne dieser Punkte ist schon von erheblicher Bedeutung, in der Wechselwirkung und Kombination ergibt sich aus diesen Trends ein Umbruch mit noch schwer abschätzbaren Folgen.

Die langen Bauzeiten mit chronisch-massiven Zeitüberschreitungen (10 – 15 Jahre) und die hohen Investitionskosten (ungefähr 10 Mrd Dollar pro Kraftwerk) verschieben den break-even Punkt auch im besten Fall so weit in die Zukunft, dass die genannten schnellen Veränderungen die ursprünglichen Annahmen hinfällig machen. Z.B. könnte durchaus die private Erzeugung von Strom durch Solarzellen für Endverbraucher eine billigere Lösung sein als der Bezug von einem Atomkraftwerk. In liberalisierten Strommärkten haben die Konsumenten die Wahlmöglichkeit. McKinsey prognostizieren für Solarstrom weiterhin stark fallende Preise, siehe unseren früheren Beitrag dazu. Severance zeigt, dass im Gegensatz dazu die Kosten von Grosskraftwerken einen starken Anstieg über der Zeitachse aufweisen.  Aber auch kleinere Firmen können mit Windanlagen die Grosserzeuger konkurrenzieren.  Die Rating-Agentur Moodys hat entsprechend angekündigt, die Bonität von Versorgungsunternehmen nach einem Investitionsentscheid für ein Kernkraftwerk zu reduzieren, eine Massnahme, die die Kosten weiter erhöhen würde.

Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung der zwei konträren Strategien von Elektrizitätsunternehmen in den USA in der nächsten Zeit zu verfolgen. Vermutlich wird der US Markt  als erster die Antwort über Erfolg bzw Misserfolg  finden.

Autor:

Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Sven  |  17.Januar 2009 at 11:31

    Also ich weiß nicht, die Atomkraftwerke sollten doch wirklich langsam ausgedient haben. Wenn ich mir vorstelle, dass da neue Kraftwerke gebaut werden sollen, wo jetzt schon unzählige Privatpersonen Solarstrom nutzen und die Solaranlage auf dem eigenen Dach einsetzen… Der Bau eines Kraftwerks dauert so viele Jahre, bis es soweit ist, könnte ich mir vorstellen, dass schon ein Großteil der privaten Haushalte sich selbst mit Solarstrom versorgt, dann hätten wir neue Kraftwerke, die aber keiner mehr braucht. In Anbetracht der aktuellen Lage, finde ich diesen Ansatzpunkt alles andere als sinnvoll.

  • 2. Fensterfolie  |  30.Januar 2009 at 22:10

    Ich kann mich hier Sven nur voll und ganz anschließen, warum sollen noch Atomkraftwerke gebaut werden ? Ich sehe darin gar keinen Sinn. Es ist sinnvoller Solarstrom mehr zu fördern, denn dieser schont die Umwelt. Anscheinend ist doch mehr Geld vorhanden als uns gesagt wird.

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