Kompetente Orientierungshilfe zu den wichtigsten Klimafragen
22.Januar 2010
Wer hat sich nicht schon eine Kurzfassung zum Klimaproblem gewünscht – angesichts der Flut von Meldungen, Berichten, Kommentaren. Wie würde ein Experte, der das Forschungsgebiet à fonds kennt, den Stand zusammenfassen? Ohne Qualitätseinbusse natürlich und ohne unzulässige Vereinfachungen. Die Antwort findet sich in dem neuen Buch von James Hansen: “Storms of my Grandchildren”. James Hansen ist einer der erfahrendsten und besten Klimaforscher, der nicht nur die Forschung der letzten Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt hat, sondern auch immer wieder den Dialog mit der Öffentlichkeit und der Politik geführt hat (er war der Berater dreier US Präsidenten, der englischen und deutschen Regierung, bestritt Senats-Hearings usw.) – auch darüber wird in dem Buch in spannender Weise berichtet. Hansen hat immer wieder sehr früh auf Probleme hingewiesen – 1981 erstmals mit einer Arbeit zum CO2 verursachten Temperaturanstieg – immer wieder wurde er als Alarmist beschimpft und immer wieder hat ihm die weitere Forschung und Entwicklung recht gegeben. Seine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse basieren auf einer rigoros wissenschaftlichen Haltung – und sie sind sehr beunruhigend – er wird wohl weiterhin als Alarmist beschimpft werden.
Die Gretchenfrage zum Klima ist: wie stark ist der Temperaturanstieg bei einer Verdoppelung des CO2, die sog. Klimasensitivität. Die sicherste Methode zur Bestimmung dieser Schlüsselgrösse ist, so Hansen durch Vergleich von zwei Perioden aus der Klimageschichte, in denen über mehr als tausend Jahre das Klima jeweils im Gleichgewicht war (weder Aufheizung noch Abkühlung) bei deutlich unterschiedlichem CO2 Gehalt in der Atmosphäre. Die letzte Eiszeit und das folgende wärmere Holozän, siehe Pfeile im Bild oben rechts (aus der Website von Hansen).
In beiden Perioden kennt man aus der Untersuchung von Eisbohrkernen die Zusammensetzung der Luft und die Temperatur sehr genau. Daraus ergibt sich eine Klimasensitivität von 3 Grad mit einem Fehlerbalken von nur plus minus 0,5 Grad! Das ist auch der Wert, der mit den ausgefeilten Klimamodellen (auch bei den Modellen war Hansen ein Pionier) aus den physikalischen Gleichungen als wahrscheinlich berechnet wird, allerdings haben die Berechnungen bis jetzt mit einem Bereich von 2 bis 4,5 Grad einen viel grösseren Unsicherheitsbereich. Mit der gemessenen Sensitivität lassen sich die oben gezeigten Kurven, die den Temperaturverlauf über 400 000 Jahre zeigen, übrigens präzis nachrechnen wie in unserem früheren Beitrag schon berichtet. Da die Messungen wie ein Experiment die reale Situation mit allen Einflussgrössen beinhalten, sind sie zuverlässiger als die Modellierungen – Hansen meint, manche sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, denn noch immer gibt es auch Klimaforscher, die eine grosse Unsicherheit in der Klimasensitivität behaupten. Natürlich ist damit auch die endlos wiederholte Behauptung widerlegt, dass der Temperaturanstieg nur mit (unsicheren) Modellen prognostiziert werden kann.
Der Grund für die grössere Unsicherheit der Modellierungen liegt in der noch ungenauen Kenntnis der Wirkung der Aerosole, siehe folgendes Bild.
Aerosole wirken kühlend aber die quantitative Unsicherheit ist gross. Dazu erklärt Hansen, dass auch bei der stärksten angenommenen Kühlung und einem entsprechend niedrigen Temperaturanstieg von nur 2 Grad bei einer Verdoppelung des CO2 Gehalts keine Entwarnung gegeben ist. Der Mensch ist einen Faustischen Pakt eingegangen indem er mit dem CO2 auch Aerosole emittiert (in letzter Zeit vor allem durch neue Kohlekraftwerke in Schwellenländern). Diese vom Menschen emittierten Aerosole maskieren den CO2 verursachten Temperaturanstieg teilweise. Irgendwann müssen diese Emissionen reduziert werden, dann wird der akkumulierte CO2 verursachte Temperaturanstieg voll wirksam.
Als grösstes und sehr akutes Problem sieht Hansen die Gefahr eines raschen und irreversiblen Anstiegs des Meeresspiegels an. Auch hierfür führt er wieder die gemessenen Werte aus der Klimageschichte an. Am Ende der letzten Eiszeit vor ca 14 000 Jahren stieg der Meeresspiegel um 1 Meter in 20 bis 25 Jahren und zwar mehrere hundert Jahre lang. Der Grund ist eine Instabilität beim Schmelzens der Eisschilde, sie weichen auf, absorbieren das Sonnenlicht besser – eine verstärkende Rückkopplung - und kollabieren schliesslich. Diese Prozesse sind bisher nicht gut verstanden und in den Modellen überhaupt nicht berücksichtigt, sie verlaufen jedoch viel schneller als bisher angenommen, der Anstieg des Meeresspiegels hat sich schon beschleunigt. Die entsprechenden Phänomene sind inzwischen sowohl in Grönland als auch in der West-Antarktis zu beobachten, siehe folgendes Bild. Schon ein Anstieg um 1 bis 2 Meter wäre für mehrere hundert Millionen Menschen eine Katastrophe. In Anbetracht der enormen Infrastruktur entlang der Küstenlinien grenzt es laut Hansen an Wahnsinn, auf Anpassung zu setzen statt auf Bekämpfung der Ursachen. Diese Fakten und weitere Daten aus der Klimageschichte (in interglazialen Phasen in denen es 1 bis 2 Grad wärmer war als heute war der Mehresspiegel mehrere Meter höher) führen Hansen zum Schluss, dass eine Erwärmung um 2 Grad (die Forderung des IPCC) bereits zu hoch ist – entgegen seinen früheren “alarmistischen” Annahmen.
Bild aus Hansen: Komplizierte Prozesse führen zum beschleunigten Abschmelzen und schliesslich zum Kollabieren der Eisschilde
Ein weiteres grosses Problem in naher Zukunft (für seine Enkel) sieht Hansen darin, dass während der Phasen beschleunigten Abschmelzens der Eisschilde, deren Schmelzwasser den Ozean kühlen, sehr grosse Temperaturunterschiede zwischen den Polen und dem Äquator bestehen. Das führt zu besonders heftigen Stürmen – auch dafür gibt es erste Vorboten von heftigen Fronten, in denen diese beiden Luftmassen in Berührung kommen.
Hansen behandelt auch ähnlich präzis und souverän die Gefahren einer langfristigen Klimaentwicklung, ausgehend von neueren Messungen während des sog. PETM (Paleocene-Eocene Thermal Maximum). Darauf werden wir in einem weiteren Beitrag separat eingehen
Insgesamt warnt Hansen viel deutlicher als der IPCC Konsens vor der weiteren Entwicklung, sofern nicht schnell und massiv gegengesteuert wird. Als einzige wirklich schnell genug wirksame Massnahme fordert er einen Verzicht auf neue Kohlekraftwerke (sie werden immer noch auch in Deutschland oder USA gebaut) und ein Abschalten der laufenden zwischen 2010 und 2030.
Einen Hoffnungsschimmer erwähnt Hansen auch, den wir angesichts all dieser Besorgnisse zum Schluss nicht vorenthalten wollen: Eine gegenüber heutiger Praxis verbesserte Land- und Forst-Bewirtschaftung könnte die CO2 Aufnahme signifikant erhöhen und damit auch einen schnellen Beitrag zur Entschärfung leisten, siehe unseren letzten Beitrag.
Autor: Klaus Ragaller
Artikel gespeichert unter: Klima



bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Klimablog » Die gro&hellip | 02.März 2010 at 10:04
[...] Erwähnt sei auch das Buch von Hansen “Storms of my Grandchildren” auf das wir im letzten Beirag schon hingewiesen hatten. Ein weiteres Beispiel einer ganz aktuellen Arbeit dazu ist: Earth system [...]
2. Klimaschützer | 06.Januar 2011 at 16:30
Das Werk von Hansen ist in der Tat sehr verständlich geschrieben und macht auch dem Laien die Hintergründe klar.
Danke für den tollen Beitrag – er bekommt von mir das Prädikat “sehr empfehlenswert”.
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