Klimamassnahmen schnell und wirksam: in Städten, Dörfern, Gemeinden

12.März 2010

Massnahmen gegen den Klimawandel erwartet man vor allem von den grossen Akteuren, von den Regierungen oder auch von den Kraftwerksgesellschaften. Kopenhagen hat gezeigt wie schwierig und langwierig der Fortschritt auf dieser Ebene ist – zu langsam in Anbetracht des von der Klimaphysik vorgegebenen Zeitdrucks. Auch ein Vertrag in Mexiko dieses Jahr wird zunehmend fraglich (laut EU Umweltkommissarin Heedegard) und immer noch werden in den grossen Industrie- und Schwellenländern neue Kohlekraftwerke gebaut – eine Hauptquelle für den weiterhin steigenden CO2 Ausstoss.

Zum Glück gibt es einige vielversprechende Initiativen von Leuten, die nicht auf Vorgaben von oben oder von den Grossen warten. Und zwar auf lokaler Ebene und bei Einzelnen. Auch ein technischer Grund spricht für dezentrale Veranwortlichkeiten: die erneuerbaren Energien sind im Vergleich zu den heute dominierenden Grossanlagen sehr klein und sie benötigen einen sehr grossen Flächenbedarf, der nur lokal unter Abwägung der Vor- und Nachteile ausgehandelt werden kann.

In Deutschland haben laut einem Bericht im Spiegel eine Gruppe von Stadtwerken eine bemerkenswerte Initiative lanciert:

Laut “Handelsblatt” haben sich 150 Stadtwerke zusammengeschlossen, um den Energieriesen E.on, RWE, EnBW und Vattenfall Paroli zu bieten.  Die Stadtwerke drohen dem Bericht zufolge, ihre eigenen Investitionen in neue, klimafreundliche Kraftwerke zu stoppen, sollte die Bundesregierung die Kernkraftwerksbetreiber nicht verpflichten, im Falle einer Laufzeitverlängerung alte Kohlekraftwerke stillzulegen. Stadtwerke erzeugen derzeit zehn Prozent des Stroms in Deutschland. Sie betreiben traditionell viele Gas- und Blockheizkraftwerke und produzieren überdurchschnittlich viel Strom aus Ökoquellen.  Viele Stadtwerke hätten im Vertrauen auf das Auslaufen der Kernkraft Investitionen geplant, die die Energieversorgung dezentraler gestalten und klimafreundlicher machen könnten. “Eine Laufzeitverlängerung nimmt der Umstrukturierung der Energieerzeugung die erforderliche Dynamik” sagen sie.

Wohl alle grösseren Umwälzungen fangen mit solchen dezentralen Einzelinitiativen an. Die lokale Ebene ist vor allem bei allen Problemen mit knappen Resourcen (wie die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre für CO2) von entscheidender Bedeutung. Diese Frage hat die Ökonomin Elinor Ostrom untersucht (sie hat dafür als erste Frau den Wirtschafts-Nobelpreis bekommen).  Spiegel Online hat mit Frau Ostrom ein spannendes Interview zur Klimaproblematik geführt. Hier einige Auszüge (das ganze Interview ist über den Link zugänglich):

Elinor Ostrom: Unter den richtigen Umständen nehmen Menschen durchaus zusätzliche Kosten und Mühen zum Schutz der Umwelt auf sich. Es hängt vor allem vom Vertrauen ab, dass andere genauso handeln. Menschen haben die Fähigkeit zu verstehen, dass ihre eigene Zukunft in Gefahr ist, wenn sie ihren Lebensstil nicht ändern. Unter den richtigen Umständen wird ihnen klar: Es ist ein Kampf aller gegen alle, wenn wir nicht handeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das Vertrauen für gemeinsames Handeln aufbauen?

Ostrom: Regeln, die von oben vorgegeben werden, reichen nicht aus. Erfolgreiche Modelle haben oft ein paar gemeinsame Grundprinzipien, zum Beispiel dass die Einhaltung von Regeln überwacht und Übertretungen bestraft werden. Außerdem braucht es Mechanismen zur Konfliktlösung und die Freiheit, dass die Menschen einen Teil der Regeln selbst setzen dürfen. Und schließlich müssen die Grenzen der Ressource klar sein. Unter diesen Umständen können Menschen Vertrauen zueinander entwickeln, dass sie nicht allein dastehen, wenn sie eine zukunftsweisende Investition machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte es weniger effektiv sein, wenn Regierungen strenge Regeln von oben diktieren?

Ostrom: Weil sich die Menschen damit nicht identifizieren. Meine Forschung hat gezeigt, dass lokal verwaltete Wälder besser geschützt sind als staatliche Parks, wo sich die lokalen Bewohner nicht beachtet fühlen und die Beamten bestechlich sind. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden in einem Dorf leben, wo wir vereinbart haben, dass wir am Samstag und am Sonntag nicht in den Wald gehen, damit er sich regenerieren kann. Wenn ich am Rand des Waldes entlanglaufe und ich mich mit den Regeln identifiziere, dann werde ich Sie anschreien, wenn ich Sie trotzdem dort sehe. Ich könnte ein paar ziemlich unfreundliche Worte rufen, weil Sie nicht da sein dürfen. Wenn ich denke, dass sich der Staat schon kümmern wird, dann laufe ich wortlos vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht schlicht unmöglich, das Klima mit einem einzelnen Vertrag zu retten?

Ostrom: Ein Vertrag wird nicht reichen, um das Problem komplett zu lösen. Deswegen brauchen wir einen polyzentrischen Ansatz im Kampf gegen den Klimawandel. Alle Ebenen der Gesellschaft müssen zusammenarbeiten, um auf lange Sicht effektiv zu sein. Städte, Dörfer und lokale Gemeinschaften sind bisher als wichtige Akteure vernachlässigt worden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn es keine Einigung in Kopenhagen gibt?

Ostrom: Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass es nur eine Lösung auf globaler Ebene gibt. Es gibt auch darunter viele wichtige Ebenen, auf denen etwas passieren muss. Wenn sich die Politiker in Kopenhagen nicht einigen können, würde ich sie gern bis auf die Knochen blamieren – durch ein paar andere Abkommen, in denen Menschen sagen: “Wir haben keine Lust mehr, auf Euch zu warten.” Die Stadt Freiburg ist ein gutes Beispiel dafür, was das heißt.

SPIEGEL ONLINE: Warum, um alles in der Welt, ausgerechnet Freiburg?

Ostrom: Ich verbringe oft Zeit in Deutschland – und einiges von dem, was ich da sehe, beeindruckt mich. Lokale Initiativen können nicht alles lösen, aber denken Sie nur einmal an die vielen Fahrradwege, die es dort gibt. Jeder Radfahrer reduziert seinen eigenen CO2-Ausstoß und lebt gleichzeitig noch gesund. Sonntags fährt jeder in den Wald und hat eine gute Zeit – mit dem Rad, nicht mit dem Auto. Jeder sollte sich fragen, warum er das verdammte Auto nicht Zuhause gelassen hat – oder es am besten gleich ganz loswerden.

SPIEGEL ONLINE: Ein dezentraler Ansatz im Kampf gegen den Klimawandel ist eine quälend langsame Angelegenheit. Aber wir brauchen schnelles Handeln, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Ostrom: Wenn wir hier sitzen und Däumchen drehen und auf eine Entscheidung der Typen da oben warten, dass würde ich quälend langsam nennen. Sollen wir immer nur die Politiker verantwortlich machen? Ich sage nicht, dass wir das Problem vollständig lösen können, aber wir können wichtige Schritte machen. Bis zu einem gewissen Grad können wir sie herausfordern. Jeder kann per Telefon oder Mail wahnwitzige Politiker kontaktieren, wie die US-Senatoren, die das Klimaschutzgesetz blockieren – und sie wissen lassen, dass sie unverantwortlich handeln.

Tatsächlich tut sich auf Gemeindeebene sehr viel – auch wenn darüber längst nicht so viel berichtet wird wie über die genannten grossen Akteure.

Unter dem Titel C40 haben sich Grossstädte aus allen Kontinenten – siehe Bild – zu einer Zusammenarbeit in Klimafragen verpflichtet. Jede teilnehmende Stadt verpflichtet sich, einen Klimaplan aufzustellen, Massnahmen zu ergreifen und die Erfahrungen mit den anderen Teilnehmern auszutauschen. So berichtet z.B. Kopenhagen, dass 97 % der Heizenergie aus Abfallwärme gewonnen wird, wobei die Energie der Blockheizkraftwerke zunehmend auf erneuerbare Quellen wie Stroh und Holz umgestellt werden.

Bild: Städte, die an der C40 Initiative teilnehmen.

In der Schweiz sind die Städte Zürich und Basel beispielhaft mit einer progressiven Klimapolitik. In Zürich wurde das Ziel einer 2000 Watt in einer Volksabstimmung mit grossem Mehr in der Gemeindeordnung festgeschrieben. Die Elektrizitätswerke von Zürich investieren unter anderem aktiv in Solarstromanlagen und Windkraftanlagen. Auch die Kantone Thurgau, Bern, Uri, Luzern, Basel-Stadt haben das Ziel 2000 Watt übernommen.

Die Initiative Energiestadt bietet allen Gemeinden Unterstützung in der Umsetzung von Klimamassnahmen, eine grosse Anzahl Gemeinden beteiligt sich bereits daran.

Bild: Schweizer Gemeinden, die an der Initiative Energiestadt teilnehmen

Statt lähmender Frustration über ungenügende Fortschritte in den Klimaabkommen haben wir in unseren Gemeinden gute Chancen, aktiv etwas zu bewirken: mit Vorstössen zur Teilnahme bei Energiestadt, mit der Anmahnung weiterer Massnahmen in diesem Rahmen wie Förderung des öffentlichen und des Velo-Verkehrs, Massnahmen an öffentlichen und privaten Gebäuden, Angebote für Ökostrom – alle diese Massnahmen “beruhen auf soliden Grundlagen. Die definierten Ziele sind messbar und dienen als Orientierungshilfe. Sie sind kompatibel mit der Schweizer Energie- und Klimapolitik sowie den Klimaschutzzielen der Europäischen Union” schreibt Kurt Egger, Programmleiter EnergieSchweiz für Gemeinden.

Natürlich machen diese lokalen Initiativen die globalen Verträge nicht überflüssig, sie müssen weiter mit grösster Priorität vorangetrieben werden. Lokale Fortschritte können diesen Prozess jedoch unterstützen durch die Demonstration der Praktikabilität von Massnahmen, durch das Aufzeigen von Erfolgen, durch den Beweis des Engagements der Bevölkerung.

Autor: Klaus Ragaller


Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Klaus Gatz  |  21.März 2010 at 15:17

    Dezentralisierung, dezentrale Energieversorgung – das ist genau das Thema des gerade in den Kinos angelaufenen Dokumentarfilms “Die 4. Revolution- Energy Autonomy” von Carl – A. Fechner, auf der Grundlage des Buches von Hermann Scheer: Energieautonomie. Eine neue Politik für erneuerbare Energien. Das Interessante an dem Film ist, finde ich, dass er Beispiele aus ganz verschiedenen Weltteilen (Dänemark, USA, Mali, China, Bangladesh u.a.) darstellt, wo dieses Bewusstsein der Notwendigkeit von Dezentralisierung in der Energiepolitik, aber auch in anderen Politikbereichen, etwa der Armutsbekämpfung – hier etwa das Beispiel des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus aus Bangladesh, eines Bankers, dessen Institut Microkredite vergibt, inzwischen nicht nur in Bangldesh – höchst erfolgreich angewandt wird. Alle Beispiele zeigen, dass es keinen Sinn hat, auf die Einsicht von Menschen und Funktionären in Großorganisationen oder Regierungen zu warten. Denn von solcher Passivität oder Apathie (bei vorausgegangenen Frustrationen) leben diese Großorganisationen schließlich (Kern- oder Kohlekraftwerkbetreiber und ihre Lobbys in den Vor- bzw. Hinterzimmern der Politik der Regierungen). Also: gründen wir Initiativen, schließen wir uns zusammen, an jedem Ort, an jeder Statt, auf dass wir kern-kohlekraftwerk-Erdöl-CO2-frei werden bzw. Schritte vollbringen auf diesem Weg und dabei die wirtschaftlichen Ergebnisse auch selbst geniessen und nicht weiter von den nach nur einem Motiv vor sich hinwerkelnden Großorganisationen abhängig bleiben. So wie es jene dänische Region in Jütland vorgemacht hat, die in dem Film “Die 4. Revolution” eine wichtige Rolle spielt.

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