Rigoroser Klimaschutz: schädlich für die Wirtschaft? Ökonomen sehen im Gegenteil Chancen für Innovation und Strukturwandel.

30.März 2010

Scheinbar plausible Argumente gegen schnelle und starke Massnahmen

Klimaschutz sei kostspielig und schädlich für die Wirtschaft, eine leistungsfähige Wirtschaft ist jedoch Voraussetzung für die Finanzierung von Schutzmassnahmen.  Mit diesem auch für Laien plausiblen Argument lobbyieren Firmen und Wirtschaftsverbände im Verbund mit den sog. Skeptikern kräftig gegen die von der Klimaforschung als notwendig erkannten Massnahmen. Ein weiteres Argument, das auch scheinbar sehr plausibel tönt: “unser” Beitrag zu den weltweiten Emissionen ist vernachlässigbar. Erst sollen die grossen Emittenten Massnahmen ergreifen, erst dann könne man allenfalls über Massnahmen bei “uns” diskutieren. Wenn man “uns” auf die Schweiz bezieht, sei deshalb eine Reduit-Haltung angemessen (siehe ETH Klimablog).

Ökonomische Modelle zeigen dagegen nur geringe Wachstums-Einbussen auch bei rigorosem Klimaschutz

Schon 2006 kam Stern in seinem viel zitierten (Stern Report Wikipedia, deutsche Zusammenfassung) Bericht zu dem Ergebnis, dass die nötigen Klimaschutzmassnahmen weniger als 1 % des Bruttosozialprodukts (BSP) kosten und diese Kosten viel niedriger sind als die damit vermiedenen Klimaschäden. Seitdem wurde eine Vielzahl weiterer Studien zu dieser wichtigen Frage durchgeführt.  In dem Buch von David Archer und Stefan Rahmstorf “The Climate Crisis” wird der Stand wie folgt zusammengefasst: Die Kostenschätzungen sind ziemlich unsicher und hängen von Annahmen ab. In dem sog. Innovation Modelling Comparison Project wurden kürzlich zehn führende ökonomische Modelle verschiedener Forschungsgruppen verglichen. Selbst bei der sehr ambitiösen Begrenzung auf 450 ppm CO2 schätzen die meisten Modelle die Kosten auf weniger als 1 % des BSP, zwei Modelle rechnen sogar mit negativen Kosten, d.h. mit Geldeinsparungen. Das folgende Bild aus “The Climate Crisis” stellt diese Auswirkungen einer 1% Reduktion des BSP grafisch dar. Die grüne Kurve zeigt den Anstieg des BSP mit Klimaschutzmassnahmen, die schwarze stellt den Verlauf ohne Massnahmen dar – in beiden Fällen werden die vom Klimawandel verursachten Schäden nicht einbezogen.

Eine soeben erschienene ETH Studie zu den Auswirkungen von Klimaschutzmassnahmen auf die Schweizer Wirtschaft kommt zu  einem ganz ähnlichen Schluss. Selbst wenn man die Schweizer Wirtschaft nur für sich betrachtet, ohne Kompensationen im Ausland oder sonstigen positiven oder negativen Effekte von anderen Ländern haben selbst rigorose Massnahmen einen sehr moderaten Einfluss auf das Wirtschafts-Wachstum (auch hier ohne Berücksichtigung der vermiedenen Schäden) siehe folgendes Bild, das den Verlauf des Konsums der beiden Szenarien Nichtstun (BAU,violett) und strikte Schutzmassnahmen (Basisszenario, gelb) vergleicht.

Zwischen Ökonomen und Öffentlichkeit klafft in der Kostenfrage des Klimaschutzes eine riesige Diskrepanz!


Unterschätzte Innovationskraft

Der Grund für das erstaunlich gute Verkraften strenger Klimaschutzmassnahmen liegt in einer viel grösseren Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft als allgemein – und auch immer wieder von etablierten Firmen – behauptet. Die ETH Studie zeigt die Zusammenhänge für die überschaubare Schweizer Wirtschaft sehr gut auf. Die Wirtschaft wird mit 12 Sektoren, deren Parameter empirisch bekannt sind, recht genau modelliert. Eine steigende Steuer auf Kohlenstoff wird nun eingeführt, die zu den von den Klimaforschern geforderten Reduktionen von 30 % bis 2020 und 80 % bis 2050 führen (verglichen mit 1990). Das führt zu einer erhöhten Einsparung von fossiler Energie und zur Substitution durch kohlenstoffarme Energie. Diese sog. statischen Substitutions-Effekte entsprechen den üblichen Vorstellungen – Ölheizungen werden durch Wärmepumpen ersetzt. Wichtig sind nun aber die weniger bekannten sog. dynamischen Effekte, die in der Endogenen Wachstumstheorie (oder auch neue Wachstumstheorie) als wichtige Wachstumsfaktoren berücksichtigt werden.  Die Verteuerung eines Inputfaktors wie der fossilen Energie führt neben den erwähnten Substitutionseffekten zu einer Beschleunigung der Innovationstätigkeit: Innovationen werden induziert. Der Grund dafür ist, dass es in einer sich strukturell verändernden Wirtschaft für Unternehmen sehr grosse Möglichkeiten gibt mit innovativen Ideen, mit neuen Produkten und Prozessen eine verbesserte Marktposition zu erreichen. Eine markant erhöhte Erfinder- und Venture- Aktivität im Energiebereich ist jetzt bereits deutlich zu beobachten. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: das Desertec-Projekt als Antwort auf die EU Klimaziele.

Empirische Studien ermöglichen die Quantifizierung der induzierten Innovation. Über die langen Zeiträume in denen sich der klima-bedingte Strukturwandel vollzieht, überwiegt der dynamische Einfluss die statischen Substitutions-Effekte. Die induzierte Innovationstätigkeit führt zu einer Verschiebung zwischen den Sektoren. Die ETH Studie zeigt für die 12 modellierten Sektoren deutlich unterschiedliche Wachstumsraten, siehe Bild. Überdurchschnittlich wachsen der Maschinen- und Anlagen- Sektor (MCH) und die chemische Industrie (CHM). Auch alle anderen Sektoren wachsen zwar, einige jedoch unterdurchschnittlich wie z.B. der Agrarsektor (AGR).

Von entscheidender Bedeutung für den Ablauf dieser wichtigen Prozesse der Substitution und der induzierten Innovation sind sorgfältig konzipierte Politik-Massnahmen. Möglichst frühzeitiger Beginn und langfristige Planbarkeit sind wichtig, um Fehlinvestitionen in “alte” Infrastrukturen zu verhindern, die für lange Zeit nicht ersetzt werden können.  Glaubwürdige und zuverlässige Preissignale können die Kosten des Strukturwandels reduzieren.

Frühzeitige und starke Massnahmen empfehlen sich selbst im Alleingang

Das überraschende Fazit dieser sehr detaillierten und nach dem neuesten Stand der Wachstumstheorie durchgeführten Studie ist: Selbst ohne Berücksichtigung des Auslands und ohne Berücksichtigung der Klimaschäden lohnt sich eine frühzeitige Einleitung des Umstellungsprozesses auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft.  Dabei ist der oft zitierte Aufbau eines Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern noch gar nicht berücksichtigt. Dieser kommt als Vorteil noch dazu. Eine Reduktion der zu erwartenden Klimaschäden kann natürlich nur bei entsprechender Beteiligung der anderen Länder erreicht werden. Umgekehrt kann die Schweizer Wirtschaft von der Entwicklung neuer Technologien in anderen Ländern profitieren, sobald auch diese intensiv an der Dekarbonisierung arbeiten (spill-over Effekt) – nicht nur im Interesse des Klimas sondern vor allem auch im Interesse der Wirtschaft.

Die immer besser abgesicherten Erkenntnisse der Klimaforschung und die neuesten Messergebnisse über das Abschmelzen der Eisschilde werden früher oder später einen enormen Druck auf Massnahmen in allen Ländern ausüben. Alles spricht gegen Abwarten und Reduit-Ideen und für schnelle und langfristig verlässliche Politik-Massnahmen (CO2 Steuer).

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 10 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Klimablog » Stromve&hellip  |  20.Juli 2010 at 18:25

    [...] (und wesentlich tiefer als zu erwartende Schadenskosten ohne Mitigation) siehe z.B. dazu unseren früheren Beitrag. Die gesamtwirtschaftlichen Betrachtungen liefern allerdings keine Antworten auf einige der [...]

  • 2. Martin Holzherr  |  01.November 2010 at 10:49

    Zitat: Schon 2006 kam Stern in seinem viel zitierten (Stern Report Wikipedia, deutsche Zusammenfassung) Bericht zu dem Ergebnis, dass die nötigen Klimaschutzmassnahmen weniger als 1 % des Bruttosozialprodukts (BSP) kosten und diese Kosten viel niedriger sind als die damit vermiedenen Klimaschäden.
    Stern revidierte seine Kostenschätzung für den Klimaschutz von 1% auf 2% des BIP im Jahre 2008 (siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Stern_Review Zitat: In June 2008, Stern said that because climate change is happening faster than predicted, the cost to reduce carbon would be even higher, of about 2% of GDP instead of the 1% in the original report. )

    Schaut man sich die Ausgaben in Deutschland für Ökosteuern und Einspeisevergütungen an und berücksichtigt man zudem, dass die grossen Ausgaben wie beispielsweise Gebäudesanierung (teilweise auf 1.2 Billionen Euro bis 2050 geschätzt) noch bewältigt werden müssen, so sind die 2% des BIP für Klimaschutz schon realistischer.

  • 3. Klaus Ragaller  |  02.November 2010 at 12:27

    Antwort an Herrn Holzherr
    vielen Dank für die Information. Stern begründet die Erhöhung als Folge einer inzwischen nötigen stärkeren Reduktion als ursprünglich angenommen. Bei der Diskussion der Kosten von Klimaschutzmassnahmen wird diesem Aspekt noch zu wenig Priorität beigemessen: je länger wir mit den Emissionen fortfahren und je länger es dauert bis Gegenmassnahmen greifen, desto teurer werden diese – hinzu kommen steigende Kosten durch Klimaschäden.

  • 4. Klimablog » CO2 Abg&hellip  |  26.Juli 2011 at 12:34

    [...] immer wieder in detaillierten Studien und Modellierungen widerlegt worden, darüber haben wir früher berichtet. Dennoch bleibt der bremsende Einfluss “der Wirtschaft” oder deren politischer Lobby [...]

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