Weltweites Wettrennen beim Aufbau “grüner” Industrien

22.April 2010

In der öffentlichen Diskussion haben seit Kopenhagen skeptische Stimmen die Oberhand: sollen wir etwas fürs Klima tun, wenn die anderen nichts tun, sind die Erkenntnisse der Klimaforschung wirklich gesichert, würden Massnahmen nicht der Wirtschaft schaden usw.

In scharfem Kontrast zu dieser Zweifler- und Zauderer-Szene findet ein im historischen Vergleich einmaliger kommerzieller Aufbruch statt und zwar weltweit. Unternehmer sehen die Chancen, die der Aufbau einer völlig neuen Energieinfrastruktur bietet. Regierungen unterstützen mit den ihnen verfügbaren Instrumenten die Bereitung eines Nährbodens für den bevorstehenden Technologieschub. Mit monetären Anreizen nie gesehener Grössenordnung bewerben sich Staaten, Länder, Städte, Provinzen, Regionen um die Ansiedlung von cleantech Firmen, und versuchen sich als Innovations-Cluster für grüne Industrien zu positionieren. Die Förderung neuer Industrien, die Schaffung neuer Arbeitsplätze steht inzwischen fast mehr im Fokus als die Reduktion des CO2 Ausstosses.

Indizien für den rasanten Fortschritt dieser Entwicklung sind die bereits unüberschaubare Zahl von Firmengründungen (2000 start-ups), die schnell ansteigenden Beteiligungs- und Aquisitionsaktivitäten , die steigenden Mittel von Venture Capital in diesem Bereich (Rekordzahl von Venture Deals im 1. Quartal 2010). “Going green is the largest economic opportunity of the 21st century,” sagt der berühmte amerikanische Venture Capital Manager John Doerr von  KPCB. Auf diesem Link kann man sich von der ausserordentlichen Vielfalt und Innovationskraft dieser Szene überzeugen. Stark ansteigend ist die Zahl der Patentanmeldungen in diesem Bereich, die Gründung von Niederlassungen westlicher Firmen in China und Indien und auch umgekehrt, die Forschungs-  und Entwicklungs-Tätigkeit sowohl die öffentliche als ganz besonders auch die private. Dem privaten Investor wird eine kaum mehr überblickbare Fülle von Nachhaltigkeits-, Green-tech, Clean-tech  Fonds angeboten.

Dieser Tage finden zwei grosse Konferenzen statt, die einen Einblick in die genannten Entwicklungen geben: das  Cleantech Forum vom 26. – 28. 4. in Paris und der  “Green Venture Summit” am 10. Mai in Berlin.

Aus dem Cleantech Forum stammt die folgende Präsentation von Nicholas Parker einem der Gründer von Cleantech, der führenden Analyse- und Research-Firma in diesem Bereich. Hier einige seiner Aussagen und Screenshots einiger Bilder. Der Cleantech Markt wird bis 2020 auf 3.5 Billionen (10exp12) Dollar ansteigen – eine Grössenordnung die sich in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht nur mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert oder der IT Revolution im 20. Jahrhundert vergleichen lässt. Diese beiden Umwälzungen hatten, bevor sie die ganze Welt erfassten, einen lokalen Ursprung. Die industrielle Revolution in England, die IT Revolution in USA. Die Cleantech Entwicklung verläuft von Anfang an in der ganzen Welt gleichzeitig in einem intensiven gegenseitigen Austausch und in einem scharfen Wettbewerb um eine führende Position in diesem Zukunftsgeschäft. “Clean Technologies become the new Space Race” fasst Parker zusammen.

die industrielle Revolution startete in England                                        die IT Revolution in USA

die Cleantech Revolution startet gleichzeitig in allen Kontinenten

Das gesamte Venture Capital in Cleantech weltweit hat zwar 2009 rezessionsbedingt auch etwas abgenommen, blieb aber immer noch auf dem zweithöchsten Wert und ist inzwischen das grösste Investitions-Thema noch vor Biotech und Software. Der Sektor wuchs in den letzten 6 Jahren von 100 auf 500 Millionen $. Spektakuläre Finanzierungsaktivitäten wie ein neuer Khosla Venture Fonds über 1,1 Mrd $ oder ein chinesischer Fonds von RMB sind weitere Beispiele. Für 2010 wird ein Rekordjahr an Investitionen in Cleantech vorausgesagt.

Besonders bedeutsam wird von Parker das bereits zu beobachtende breite Engagement von Grossfirmen eingeschätzt. Diese verfügen über die Resourcen und Fähigkeiten die neuen Technologien von den ersten Pilotanwendungen in den nötigen Gross-Massstab weiterzuentwickeln, zu produzieren und weltweit zu vermarkten.

Traditionelle Produkt- und System-Lieferanten im Energiebereich wie z.B. General Electric, Siemens sind aktiv am Aquirieren, ebenso wie Energieversorger z.B. RWE, Duke Energy, aber auch Öl- und Kohle-Firmen wie Peabody. Aufschlussreich ist dabei, dass die Aquisitionen vorwiegend durch die Geschäftsabteilungen dieser Firmen getätigt werden und nicht durch die VC Abteilungen – ein deutliches Indiz, dass es um geschäftliche Chancen und nicht um finanzielle Spekulationen oder Alibiübungen geht.  Das folgende Bild zeigt den rasanten Anstieg von Cleantech bei den Mergers und Aquisitions. Wie bei jedem Technologiewechsel wird es Gewinner und Verlierer geben, schon jetzt kann man gut eine Zweiteilung beobachten in Firmen die versuchen, sich neu zu positionieren und solchen, die sich zögernd, abwartend, passiv verhalten.

Neben den traditionellen Playern im Energiesektor sehen Neueinsteiger Chancen, bei dem bevorstehenden radikalen Technologie- und Strukturwandel in diesem Geschäft eine führende Rolle zu spielen. Ein Beispiel ist mit 9 Aquisitionen die Firma Google. Der Einstieg von Warren Buffett wird eine Signalwirkung auf viele weitere Investoren haben. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob das traditionelle know-how ein Vorteil ist oder die völlig neue Sicht, die die diversen Neueinsteiger mitbringen – die vergleichbaren Technologieschübe der Vergangenheit lassen letzteres vermuten.

Grosse Symbolkraft hat die kürzlich von Areva, dem französischen Kernkraftwerkslieferanten angekündigte Aquisition der amerikanischen Solarfirma Ausra, die solarthermische Kraftwerke (CSP) herstellt. Areva will mit dieser Aquisition eine führende Rolle in diesem Markt erreichen, der von Bloomberg bis 2020 auf ein Volumen von 34 GW installierter Leistung geschätzt wird. Das ist eine Leistung, die allein aufgrund der langen Bauzeiten mit Kernkraftwerken nicht erzielbar sein wird. CSP ist skalierbar, kostengünstig, geeignet für Grundlast, kombinierbar mit Biomasse-Verbrennung und wird entsprechend aggressiv weltweit verfolgt unter anderem auch von China. Ein weiteres Beispiel ist Siemens, sie haben letztes Jahr die israelische CSP Firma Solel übernommen. CSP ist erst am Anfang der Lernkurve und hat hervorragende Aussichten eine der Hauptgewinner-Techologien der zukünftigen kohlenstoffarmen Wirtschaft zu werden.

In einem Interview äussert sich Nick Beglinger, der Präsident des Verbandes Swisscleantech zu der  Szene in der Schweiz.

Während in vielen Firmen die Zauderer keinen Handlungsbedarf sehen, die Skeptiker in der öffentlichen Diskussion die Klimaforschung anzweifeln, die ökonomischen Puristen das Engagement der öffentlichen Hand anprangern, entstehen zukünftige Gewinnerfirmen, neue Industrien, Gewinner-Regionen – und entsprechend auch Verlierer. Dieses Wettrennen wird 2010 in den Vordergrund rücken und hoffentlich auch die auch immer noch schleppenden Klimaverhandlungen beschleunigen.

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

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