Adaption an den Klimawandel – keine Alternative zu drastischen CO2 Reduktionsmassnahmen
25.November 2010
“How to live with climate change” titelt der Economist am 27. November. In einem ausführlichen Artikel “Facing the consequences” wird die Notwendigkeit von Massnahmen zur Anpassung begründet. Einerseits wegen des bereits erfolgten oder durch die bisherigen Emissionen noch zu erwartenden Klimawandels. Andererseits äussert die Redaktion Zweifel an der Realisierbarkeit von schnellen und wirkungsvollen Reduktionsmassnahmen: Adaption wegen zu schwieriger Mitigation? Der Economist, dessen Redaktion sehr lange brauchte, um das Thema Klimawandel als Problem anzuerkennen, schwenkt jetzt wohl etwas voreilig auf diese gefährliche und resignative Argumentations-Linie.
Bild aus Economist
Bei aller Fragwürdigkeit der Economist-Postion ist jedoch klar, dass die bisherigen CO2 Emissionen bereits einen Temperaturanstieg von 0.7 Grad verursacht haben und ein weiteres halbes Grad kommt auf jeden Fall noch dazu, selbst wenn die Emissionen ab jetzt vollständig gestoppt werden könnten. An diese Veränderungen und den noch zu erwartenden Klimawandel müssen sich die Gesellschaften anpassen. Was sind geeignete Massnahmen, was kosten sie, wie sieht das Kosten/Nutzen-Verhältnis aus? Diesen Fragen ist eine ausführliche Studie von McKinsey, SwissRe, Europäische Kommission, Vereinte Nationen und Spezialisten sowie Klimaforschern gewidmet: Shaping climate resilient development. (Herr Bresch von der Swiss Re, einer der Mitautoren hat im ETH Klimablog darauf verwiesen).
Für 8 Testfälle aus verschiedenen Ländern – siehe folgendes Bild - mit ganz unterschiedlichen Klimarisiken wurden die genannten Fragen im Detail bearbeitet:
1. Nord- und Nordost-China. Dort sind zwei Regionen von Dürreperioden bedroht, die den landwirtschaftlichen Ertrag und damit die Lebensmittelversorgung gefährden.
2. Georgetown Guayana, eine Grossstadt in einem Entwicklungsland mit tropischem Klima. Bevölkerung und Bauten sind durch hohe Niederschlagsmengen gefährdet.
3. Maharashtra in Indien, ein grosser und für die Landwirtschaft wichtiger Staat ist durch Trockenheit gefährdet.
4. Mopti in Mali liegt am Rand der Trockenzone und ist durch eine Ausdehnung der Sahara nach Süden gefährdet.
5. Samoa, ist als kleine Insel im Pazifik durch den Meeresspiegelanstieg bedroht.
6. Zentralregion in Tansania, die Landwirtschaft ist durch Dürre gefährdet.
7. Hull in England ist als mittelgrosse Stadt am Meer und im Bereich zweier Flüsse durch Überschwemmungen infolge Regenfällen und auch durch den Meeresspiegelanstieg gefährdet und auch durch starke Winde.
8. Südflorida die dichtbesiedelten Gebiete um Miami sind durch Wirbelstürme und Meeresspiegellanstieg gefährdet.
Für diese Testfälle wurden zunächst die heute bereits auftretenden Schäden durch Wetterextreme quantifiziert und zum BIP (GDP) ins Verhältnis gesetzt. Aufgrund der IPCC Prognosen wurde dann abgeschätzt, wie stark die Schäden bis ins Jahr 2030 durch den zu erwartenden weiteren Klimawandel ansteigen könnten. Das obige Bild zeigt die Ergebnisse. Überraschend ist wie gross bereits heute die Klimaschäden sind: von 1 bis 12 % des BIP diesen Regionen!
Zur Erinnerung: die Kostenschätzungen für drastische Mitigationsmassnahmen werden auf etwa 1 % des BIP geschätzt.
Für die nächsten 20 Jahre ist mit einem weiteren massiven Anstieg zu rechnen, wobei sich dieser aus zwei Anteilen zusammensetzt, der Zunahme der Häufigkeit von Wetterextremen und dem grösseren Schadenpotential durch die zukünftige ökonomische Entwicklung.
Der Bericht vermeidet eine Aussage zu der Frage, wieweit die jetzigen Wetterextreme bereits durch die Klimaveränderung in Anzahl und Intensität erhöht sind. Dazu gibt es verschiedene Untersuchungen, z.B. unseren früheren Blogbeitrag oder ganz aktuell eine Einschätzung der World Meteorogical Organization WMO: “Klimaextreme hat es immer gegeben, die Ereignisse der jüngsten Zeit sind jedoch vergleichbar, oder intensiver oder länger dauernd als die grössten historischen Ereignisse.”
Adaptions-Massnahmen
Die Stärke des Berichts liegt in der Erarbeitung von Adaptionsmassnahmen und in deren wirtschaftlicher Bewertung. Für alle 8 Testregionen wurden zusammen mit lokalen Experten im Detail Massnahmen erarbeitet und quantifiziert. Für jede der Testregionen werden sie in einem spezifischen Kosten/Nutzen Diagramm dargestellt, analog wie das bekannte McKinsey Diagramm über die Kosten/Nutzen-Bilanz von Massnahmen zur CO2 Reduktion. Und ganz analog dazu zeigt sich, dass es in allen Gebieten trotz der grossen Unterschiede in den Problemen und Lösungen Massnahmen gibt, die wirtschaftlich rentabel sind, die also ein Kosten/Nutzen-Verhältnis kleiner 1 aufweisen (gestrichelte Linie im Diagramm). Diese auch unabhängig von der Klimaproblematik wirtschaftlich lohnenden Adaptionsmassnahmen führen zu einer beträchtlichenReduktion der zu erwartenden Schäden! Darüber hinausgehende Massnahmen mit einem Kosten/Nutzen-Verhältnis über eins sind spezifische Schutzmassnahmen gegen die weitere Klima-Entwicklung.
Für zwei der 8 Testregionen zeigen wir im folgenden diese Kosten/Nutzen-Diagramme. Im Testfall Hull, können die Schädenen durch Überschwemmungen und Stürme durch relativ kostengünstige Massnahmen reduziert werden: besseres Warnsystem, bessere Schulung der Hilfskräfte, Schutz der Küsten und Flüsse, einfache Massnahmen an Gebäuden. Mit diesen rentablen Massnahmen (hellblau markiert) können 65% der erwarteten Schäden vermieden werden.
Im Testfall Nord- und Nordost-China liegen die Gefährdungen infolge drohender Dürreperioden in der Landwirtschaft. Auch hier gibt es eine Vielzahl von erprobten Massnahmen zur Anpassung an diese Bedrohung: Massnahmen zur Bodenkultivierung, Mulchen, rationellere Bewässerungssysteme, Mikro-Wasserspeicherung. Mit diesen rentablen und auch für die Entwicklung förderlichen Massnahmen kann das Schadenrisiko um 50% gemindert werden.
Beide Beispiele und auch die anderen Testfälle (im oben zitierten Bericht nachzulesen) zeigen enorme Möglichkeiten, die Gefährdungen durch Wetterextreme zu mildern aber auch, dass weitergehende Massnahmen schnell sehr teuer werden. Zwar können relativ seltene Hochrisiken durch eine Versicherung abgedeckt werden. Für ein allgemeines Ansteigen des Risikoniveaus wie es vor allem auch für die Zeit nach 2030 zu erwarten ist, sind die untersuchten Massnahmen bei weitem unzureichend. Schutzmassnahmen gegen einen Anstieg des Meeresspiegels, die bei einem Anstieg um 0.5 m wirkungsvoll sind, werden bei einem weiteren und schnelleren Anstieg nutzlos.
James Hansen beurteilt die Risiken der weiteren Entwicklung bei ungenügenden Mitigationsmassnahmen in einem kürzlich erschienen Kommentar wie folgt: “Eine CO2 Konzentration von 400 ppm, die mit den jetzigen Emissionsraten 2016 zu erwarten ist, wird schlussendlich zu einem Anstieg des Meeresspiegels von ungefähr 25 m führen. China’s Landfläche wird dadurch massiv schrumpfen und die Umsiedlung von 250 Millionen Einwohnern erfordern. Wie schnell der Anstieg erfolgen wird, ist unsicher. Ein Anstieg von 1 m innerhalb von 20 Jahren ist in der Vergangenheit vorgekommen. Der menschgemachte Klima-Antrieb (forcing) ist weit grösser und schneller als frühere natürliche Antriebe. Sowohl das Antarktische als auch das grönländische Eisschild verlieren je über 100 Kubikkilometer pro Jahr. Ein Kollaps könnte innerhalb von Dekaden beginnen.”
Wie einleitend erwähnt, besteht eine gewisse Gefahr, dass Adaptionsmassnahmen als resignative Alternative zur Bekämpfung der CO2 Emissionen betrachtet werden. Adaption ist nötig, ist in vielen Fällen wirtschaftlich und auch aus anderen Gründen sinnvoll – sie darf auf keinen Fall die Anstrengungen zur schnellen Reduktion der CO2 Emissionen gefährden.
Autor: Klaus Ragaller
Artikel gespeichert unter: Klima




bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben
1. Klimablog » Cancun:&hellip | 13.Januar 2011 at 09:17
[...] ein sehr hoher Stellenwert und eine hohe Dringlichkeit zugemessen wird (siehe dazu auch unseren letzten Beitrag): “Conference of the Parties agrees that adaptation is a challenge faced by all Parties, and [...]
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