Cancun: Verpflichtungen auch ohne Vertrag – können wir sie erfüllen?
11.Dezember 2010
Der Klimawandel ist die grösste Herausforderung unserer Zeit (“The Conference of the Parties affirms that climate change is one of the greatest challenges of our time“) heisst es in der Vereinbarung von Cancun, unterschrieben von allen Nationen, von den Umweltministern mit deren hochkarätigen Beraterstäben im Hintergrund. Trotz dieser deutlichen und breit abgestützten Mahnung herrscht eine merkwürdige Ruhe seit Cancun. Die Klimafrage ist aus den Schlagzeilen verschwunden – andere Themen dominieren wieder: z.B. wie viele Röhren sollen wir durch den Gotthard bohren. Kaum eine Zeitung, die den Vereinbarungen einen ausführlichen Artikel oder einen Kommentar zu den Konsequenzen widmen würde (immerhin, eine gute Kommentierung findet man im Podcast von IEEE Spectrum). Dabei sind die Ergebnisse dieser Konferenz von grosser Bedeutung für unsere Zukunft. Alle dort versammelten Nationen akzeptieren die vom IPCC erarbeiteten Erkenntnisse und das Ziel, den Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen. Dies wird in dem Übersichtsdokument Outcome of the work of the Ad Hoc Working Group on long-term Cooperative Action under the Convention wie folgt zusammengefasst:
Tiefe Einschnitte bei den CO2 Emissionen sind nötig
“The Conference of the Parties … further recognizes that deep cuts in global greenhouse gas emissions are required according to science, and as documented in the Fourth Assessment Report of the Inter-governmental Panel on Climate Change, with a view to reducing global greenhouse gas emissions so as to hold the increase in global average temperature below 2°C above pre-industrial levels, and that Parties should take urgent action to meet this long-term goal, consistent with science and on the basis of equity; Also recognizes the need to consider, ……, strengthening the long-term global goal on the basis of the best available scientific knowledge, including in relation to a global average temperature rise of 1.5°C”
Bild: Zwei Frauen haben die Fortschritte von Cancun allen Schwierigkeiten zum Trotz ermöglicht: Christiana Figueres (links) und Patricia Espinosa, die mexikanische Aussenministerin
Industrieländer sind in der Verantwortung
Speziell in der Verantwortung stehen die Industriestaaten: “Acknowledging that the largest share of historical global emissions of greenhouse gases originated in developed countries and that, owing to this historical responsibility, developed country Parties must take the lead in combating climate change and the adverse effects thereof”
Konsequenterweise müssten jetzt bei uns und in den anderen Industriestaaten aggressive Pläne erarbeitet werden, die angesichts der Tragweite zu intensiven öffentlichen Diskussionen Anlass geben müssten. Warum geschieht dies nicht? Zweifeln zu viele noch an den wissenschaftlichen Befunden? Hofft man auf eine Entwarnung?
Neueste Klimaforschung zeigt beschleunigten Verlauf
Die Wissenschaft hat sich seit dem letzten IPCC Bericht von 2007 intensiv und auf breiter Front um weitere Präzisierungen der bisherigen Erkenntnisse bemüht. Alle neuen Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Klimawandel schneller voranschreitet als im IPCC Bericht angenommen. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Emissionen von CO2 trotz Wirtschaftskrise am oberen Rand der IPCC Szenarien verlaufen, siehe folgendes Bild aus einer soeben erschienenen Artikelserie der Royal Society.
Bild: der Verlauf der CO2 Emissionen (schwarze Quadrate) im Vergleich zu den IPCC Szenarien
Die IPCC Autoren hielten den oberen Rand ihrer Emissionsszenarien wohl für unwahrscheinlich (die Menschheit kann doch nicht so selbstzerstörerisch sein), diese Szenarien wurden jedenfalls nicht sehr ausführlich mit Klimamodellen untersucht. Dies wurde in der genannten Artikelserie nachgeholt. “Wann könnte die globale Erwärmung 4 Grad erreichen” lautet der Titel einer der Beiträge. In dieser Arbeit wurde für das gegenwärtig laufende Emissionsszenario mit ausführlichen Berechnungen der neuesten Klimamodelle die zukünftige Temperaturentwicklung bis 2100 berechnet, also für den Fall, dass keine deutlich wirksamen Gegenmassnahmen bis dahin wirken. Auch die neuesten Ergebnisse für die Simulation bisher nur näherungsweise bekannter Prozesse wie der Kohlenstoffzyklus wurden dabei berücksichtigt. Das folgende Bild zeigt, dass der wahrscheinlichste Verlauf bereits in den 70er Jahren zu einer Erwärmung von 4 Grad führt und zu 5 Grad bis 2100. Bei einer nicht auszuschliessenden stärkeren Rückkopplung durch den Kohlenstoffzyklus könnte dies sogar schon in den 60er Jahren erreicht werden (oberer Wert des Unsicherheitsbereichs im Bild).
Bild: Neuere Berechnungen des Temperaturanstiegs bei unveränderten Emissionen
Die aktuellen Messungen der Temperatur wie sie von der NASA im Rahmen der GISS durchgeführt werden zeigen trotz Sonnenflecken-Minimum und einem starken La Niña für den November 2010 den höchsten je gemessenen Wert und voraussichtlich gilt das auch für das ganze Jahr 2010. Die Skeptiker-Szene fabuliert weiterhin von Abkühlung, das momentan relativ kalte Winterwetter bei uns wird dabei auch ins Feld geführt. Dazu hat Stefan Rahmstorf die wissenschaftliche Sicht zusammengefasst: “Werden Winter kälter?”.
Bild: Neueste GISS Temperaturmessungen. November 2010 ist der höchste je gemessene Wert
Deutlich schneller als noch im letzten IPCC Bericht angenommen läuft das Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und in der Antarktis ab. Hierzu gibt es eine Reihe neuerer Arbeiten und Zusammenfassungen mit Literaturzitaten für Grönland und für die Antarktis. Richard B. Alley stellt nüchtern fest, dass die Vorgänge 100 Jahre früher einsetzen als bisher erwartet. Die Mechanismen, die für das unerwartet schnelle Abschmelzen verantwortlich sind, beginnt man inzwischen ganz gut zu verstehen. Weitere Arbeiten zur Präzisierung der Klimawissenschaft liessen sich anführen, z.B. wurde die von Roy Spencer und Richard Lindzen immer wieder behauptete aber nie bewiesene starke negative Rückkopplung der Wolken mit einer neueren Arbeit widerlegt (Feedback on Cloud Feedback).
Adaption ist dringend und erfordert zunehmend Resourcen
Auffällig in den Beschlüssen von Cancun ist, dass der Adaption an den Klimawandel ein sehr hoher Stellenwert und eine hohe Dringlichkeit zugemessen wird (siehe dazu auch unseren letzten Beitrag): “Conference of the Parties agrees that adaptation is a challenge faced by all Parties, and that enhanced action and international cooperation on adaptation is urgently required to enable and support the implementation of adaptation actions aimed at reducing vulnerability and building resilience in developing country Parties, taking into account the urgent and immediate needs of those developing countries that are particularly vulnerable”.
Ein eindrückliches Beispiel ist Climate Change and Agriculture in China, die chinesische Akademie der Agrar-Wissenschaften prognostiziert ein drastisches Absinken der landwirtschaftlichen Produktion als Folge des Klimawandels – nicht zuletzt diese Ergebnisse haben vermutlich zu einer wesentlich konstruktiveren Haltung von China an der Konferenz geführt.
Bild: Abnahme der Nahrungsmittelproduktion in China als Folge des Klimawandels für zwei Szenarios (rot und grün)
Die heute schon beträchtlichen und vor allem die in Zukunft zu erwartenden Kosten für die Adaption zeigen, wie wichtig schnelle und drastische Massnahmen zur Reduktion der CO2 Emissionen sind. Jede weitere Verzögerung wird den Resourcen-Bedarf für Adaptionsmassnahmen weiter erhöhen – eine selbstzerstörerische Perspektive. Die Hoffnung auf weitere Fortschritte und eine vertragliche Absicherung der Vereinbarungen von Cancun richtet sich auf die nächste Klimakonferenz 2011 in Südafrika.
Autor: Klaus Ragaller
Artikel gespeichert unter: Klima





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1. Klimablog » James H&hellip | 27.Januar 2011 at 17:05
[...] bisher unterschätzten Dynamik der Klimaerwärmung, ein Beispiel brachten wir in einem früheren Beitrag. Ein weiteres Beispiel ist die Publikation von Jeffrey Kiehl (Senior Scientist der University [...]
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