Erneuerbare Energien: sind die Bremsen gelöst?

27.Juni 2011

Mit dem Entscheid des Bundesrats, keine neuen Atomkraftwerke mehr zu bauen, haben die Pläne und Initiativen für Erneuerbare Energien einen deutlichen Aufschwung erfahren – erkennbar z.B. an der Flut von einschlägigen Presseberichten. Es scheint als ob dieser Entscheid wie das Lösen einer Bremse gewirkt hat. Das ist auch durchaus erklärbar. Die für neue Kernkraftwerke nötigen enormen Investitionssummen und deren lange Abschreibungsfristen wären tatsächlich im Realisierungsfall einer jahrzehntelangen Verpflichtung zu dieser Stromproduktion gleichgekommen, unabhängig von weiteren Fortschritten der Alternativen. Die Beteiligung der öffentlichen Hand an den grossen Stromversorger-Konzernen hätte die Investitionen ausserdem mit einer Art Staatsgarantie geschützt – ein schwieriges Umfeld für den Aufbau von Alternativen.

Allein in den drei Tagen vom 21. bis 23. Juni erschienen in der NZZ drei bemerkenswerte Artikel aber auch andere Zeitungen, Fernsehen, Radio – plötzlich interessiert sich eine breite Öffentlichkeit für eine nachhaltige Energieversorgung. Im Unterschied zu vielen bisherigen Abhandlungen zu dem Thema wird dabei konkret, mit Zahlen auf die spezifische Situation der Schweiz eingegangen. In Beiträgen vom 22. und 23. Juni berichtet die NZZ von Initiativen der städtischen Energieversorger bzw. von deren gemeinsamen Unternehmen Swisspower. Sie positionieren sich in deutlichem Unterschied zu den grossen Stromproduzenten als prädestiniert für Beratungen zur Stromeffizienz und zur dezentralen Stromproduktion und sehen grosse neue Geschäftschancen als Folge des Bundesratsentscheids. Dabei engagieren sie sich auch mit der grössten Selbstverständlichkeit in Nordsee-Windanlagen oder italienische Sonnenkraftwerke und setzen weiterhin auf die volle Integration der Schweiz in das Europäische Verbundsystem.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag der NZZ vom 21. Juni: “Eine Lösung für die überschüssige Windenergie”. Der Autor, Bernhard Weilharter  von der kwp Consulting Group rechnet damit, dass die gewaltigen Ausbauprojekte für Windkraft in Deutschland in Starkwindphasen zu temporären Überschüssen von bis zu 100 TWh führen könnten (gesamter Jahresbedarf der Schweiz 60 TWh). Gelänge es, diese billige Energie zu speichern und günstig zu transportieren, dann könnte die Schweiz daran teilhaben und auch das Problem der schwankenden Produktion wäre gelöst. Weilharter zeigt, dass die Produktion von Wasserstoff mittels Elektrolyse durch den Überschussstrom und die Einspeisung in die Erdgasnetze sowohl die Speicherung als auch den weiträumigen Transport speziell für die Schweizer Situation attraktiv macht und Vorteile gegenüber Alternativen wie Pumpseicherung oder Autobatterien bietet. Die einzelnen Schritte dieser Technologie sind bekannt, nötig sei lediglich ein “Upscaling”.

Tatsächlich ist in Deutschland zur Zeit ein Pilotkraftwerk für genau dieses Konzept in Bau, das Pilotkraftwerk Penzlau . Das folgende Bild zeigt das Schema. Der nicht vom Stromnetz aufnehmbare Strom wird zur Erzeugung von Wasserstoff verwendet und ins Gasnetz eingespeist, wobei in Penzlau auch eine Kombination mit Biogas aus einer Biogasanlage vorgesehen ist.

Schema

Eine ausführlichere Beschreibung des Projekts findet sich hier.  Der Projektleiter schliesst: „Die Welt rennt uns schon jetzt die Bude ein.“

Natürlich gibt es für diese Lösung eine Reihe von Fragezeichen. Vor allem die Kosten der einzelnen Verfahrensschritte im Vergleich zu jetzigen vor allem aber zukünftigen Marktpreisen sind eine Hauptunsicherheit. Das ist jedoch typisch für jeden grundlegenden Technologiewandel. Die Risiken von Neuentwicklungen sind die Kehrseite von grossen Geschäftschancen im Erfolgsfall. Die Politik kann für Randbedingungen sorgen, die Risiko-Unternehmer auf breiter Basis ermutigt und das Experimentieren mit einer Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten in Gang setzt.  Welche Lösung sich dann schlussendlich durchsetzen wird, wird erst im weiteren Verlauf am Markt entschieden. Für die knapp bemessene Zeit zur Entschärfung des Klimaproblems ist entscheidend, dass der Entwicklungs- und Such-Prozess mit hoher Intensität betrieben wird und die Politik Randbedingungen so setzt, dass Anreize für Experimente bestehen ohne eine bestimmte Technologie zu bevorzugen.

Dass man sich in der Schweiz verstärkt für diesen Prozess interessiert und sich darin engagiert ist ein gutes Zeichen.

 

Autor: Klaus Ragaller

 

Artikel gespeichert unter: Klima

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