15% weniger Stromverbrauch auf einen Schlag – Lehren aus der japanischen Katastrophe

25.August 2011

Mit einem Schlag wurden in Japan 37 der insgesamt 54 Kernkraftwerke als Folge der Tsunami-Katastrophe abgeschaltet. Erstaunlicherweise gab es keine Blackouts, obwohl Japan nicht auf Importe von Strom ausweichen kann  (nicht einmal ganz Japan ist in einem Verbundnetz zusammengeschlossen). Die Wirtschaft wurde zwar durch Unterbrüche der Zulieferketten beeinträchtigt, nicht aber durch Stromunterbrüche.

Dieses erzwungene wohl ziemlich einmalige und äusserst drastische “Experiment” mit der Stromversorgung einer hochentwickelten Wirtschaft verdient eine genauere Analyse. Wie bei uns war es auch in Japan vor der Katastrophe selbstverständlich, dass für alle, für Firmen und für Private ausreichend Strom zur Verfügung war und man keine Gedanken aufwenden musste über Höhe oder Zeitpunkt des Verbrauchs. Dass man über die Steuerung des Verbrauchszeitpunkts das System optimieren kann – mit sog. intelligenten Netzen oder smart grids -  wird im Prinzip zwar zunehmend diskutiert, die erreichbaren Verbesserungen werden aber oft in einen kleinen Bereich verwiesen, so erwartet man etwa 5% Einsparung bei den EKZ.

Nun ist es zwar unbestritten, dass ein Teil des japanischen Wunders sich durch Verzichtsmassnahmen erklärt, die in dieser Notsituation und der daraus entstandenen grossen Solidarität zugemutet werden konnten. Ein Beispiel dazu ist die  “Super Cool Biz” Kampagne, über die in der  NYT berichtet wurde. Die japanischen Geschäftsleute wurden aufgefordert, ohne Krawatte und Jackett zur Arbeit zu gehen und so in ungekühlten Büros zu arbeiten.

Interessanter und lehrreich für andere sind jedoch Massnahmen der intelligenteren Stromnutzung. Basis dafür ist eine laufende,  aktuelle Information über Erzeugung und Verbrauch. Die alle 5 min erhobenen Daten werden öffentlich verbreitet, über Radio, Fernsehen, sogar in den Zügen. Auf der Denki Joho (Information über Elektrizität) Website wird der aktuelle Verbrauch als Balken in % der Gesamtproduktion grafisch angezeigt. Nähert sich der Verbrauch der kritischen Grenze die für ein stabiles Netz nötig ist, dann ist die Bevölkerung aufgefordert, alle nicht unbedingt nötigen Geräte abzuschalten. Sie tut das auch in ihrem eigenen Interesse, um einen Blackout mit wesentlich gravierenderen Folgen zu vermeiden.

Bild: Aktueller Stromverbrauch in % der Produktion auf der Denki Johe Website

Die Information über Produktion und Verbrauch hilft nicht nur, kritische Netzzustände zu vermeiden, noch wichtiger ist dass dadurch eine enorme Kreativität stimuliert wird, die zu völlig neuen Verhaltensweisen und technischen Innovationen führt. Eines von vielen Beispielen ist ein Fernseher mit Batterie. Dieser wurde ursprünglich von japanischen Firmen für Märkte in Entwicklungsländern entwickelt, in denen öfters Blackouts auftreten. Dieses Produkt wurde jetzt plötzlich für japanische Kunden interessant, niemand wäre vor der Katastrophe auf diese Idee gekommen. Diese Geräte können, wenn der aktuelle Stromverbrauch in einen kritischen Bereich kommt, per Knopfdruck auf der Fernbedienung (siehe folgendes Bild) auf Batteriebetrieb umschalten. Das sei ja gar keine Stromeinsparung werden Kritiker einwenden, denn die Batterien werden zu Zeiten genügender Stromproduktion wieder aufgeladen. Dem ist zu entgegnen, dass die Bereitstellung des Spitzenstroms enorm hohe Kosten verursacht und deshalb Einsparungen dort besonders wirtschaftlich sind.

Bild: mit dem roten Knopf auf der Fernbedienung wird der Fernseher auf Batteriebetrieb umgeschaltet

Die lokalen Behörden haben in Japan mit grossem Erfolg einen Wettbewerb für Stromsparideen lanciert. Dabei wurden nicht nur in den Spitzenzeiten die angestrebten Einsparungen erzielt, sondern auch zu anderen Zeiten. In Betrieben wird mit Lichtanzeigen vor zu hohem Verbrauch gewarnt. Viele Betriebe haben das Einsparziel von 15% weit übertroffen.

Das Einsparpotential gerade auch in der Wirtschaft ist sehr gross, wie z.B.  Joe Hogan, der ABB Chef in der NZZ darlegte: vor allem bei Beleuchtung und bei Motoren. Trotz eines Payback von weniger als 2 Jahren bestehen wegen der niedrigen Energiekosten keine Anreize für eine Umstellung. Hogan plädiert für staatliche Massnahmen um diese Umstellungen zu beschleunigen – ganz im Gegensatz zu Economiesuisse, die sich gegen die aktuelle CO2 Gesetzesrevision wehrt und stattdessen auf freiwilligen Klimaschutz setzt.

Diese Erfahrungen aus Japan zeigen, dass ein wesentlich intelligenterer Umgang mit Elektrizität möglich ist. Wobei Japan bereits vor der Katastrophe mit nur dem halben pro Kopf Verbrauch der USA eher zu den sparsameren Verbrauchern gehörte. Auch bei Anwendung all der aus Not getroffenen Massnahmen ist Japan weit von einer unzumutbaren Einschränkungs- oder Mangel-Wirtschaft entfernt. Die Frage, die sich für uns stellt ist, ob ohne eine Notsituation wie in Japan das erforderliche Umdenken und Umstellen des Systems gelingen kann. Im Interesse unserer Wirtschaft sollten wir nicht auf den Import von intelligenten Lösungen aus Japan warten, sondern uns an deren Entwicklung aktiv beteiligen.

Autor: Klaus Ragaller

 

 

 

Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 7 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. 37 AKWs vom Netz - und es&hellip  |  06.September 2011 at 11:48

    [...] rückt wieder ein Stück näher.Eine ausführliche Analyse der Situation findest Du im Klimablog.Auch du kannst an deinem Stromverbrauch drehen: Elf Tipps zum Energiesparen in Haushalt, Büro und [...]

  • 2. Strom sparen durch Unfall&hellip  |  07.September 2011 at 07:17

    [...] [...]

  • 3. egghat  |  07.September 2011 at 11:41

    “Die Wirtschaft wurde zwar durch Unterbrüche der Zulieferketten beeinträchtigt, nicht aber durch Stromunterbrüche.”

    Das ist Quark. Die Fabriken wurden teilweise wechselweise betrieben, also Fabrik A lief 12 Stunden und dann Fabrik B für 12 Stunden. Und das explizit, weil mit beiden Fabriken gleichzeitig die Stromversorgung zusammengebrochen wäre.

    Dass diese Maßnahmen nicht sonderlich stark aufgefallen sind, liegt an der Unterbrechung der Lieferketten. Einige Fabriken waren halt so kaputt, dass die gar nichts mehr liefern konnten.

    Daher fielen die Fabrikschließungen wegen Strommangels nicht sonderlich auf, aber so zu tun, als hätte es sie gar nicht gegeben, ist falsch.

    Noch falscher ist es so zu tun, als hätte Japan mit 15% weniger Strom genauso viel produziert wie vorher. Das ist ein Fehlschluss. Der Stromverbrauch konnte nur deshalb so stark sinken, weil auch die Produktion gesunken ist.

    Klar, die im Artikel beschriebenen Maßnahmen gab es und sie haben auch gewirkt. Nur ist völlig unklar, ob ein Drittel, die Hälfte oder zwei Drittel der Stromeinsparung darauf zurückging und wie viel des Rückgangs schlicht auf einem Rückgang der Industrieproduktion beruhte.

  • 4. Klaus Ragaller  |  07.September 2011 at 19:14

    Das japanische Bruttoinlandprodukt ist zwar als Folge der Katastrophe gesunken aber viel weniger als erwartet, die Zahlen pro Quartal finden Sie hier: http://www.tradingeconomics.com/japan/gdp-growth
    Im zweiten Quartal waren es minus 1 Prozent gegenüber demselben Quartal im Vorjahr.

  • 5. Netti  |  07.September 2011 at 22:40

    Wirklich interessante Ideen. Wie lautet das alte Sprichwort: Not macht erfinderisch. Hoffentlich setzt auch bald hier ein Umdenken ohne Not ein. Der beste Strom ist noch immer der, der gar nicht verbraucht wird..

  • 6. Sylvie  |  19.September 2011 at 17:46

    Hallo Zusammen,

    ich habe leider die Befürchtung, dass die Katastrophe in Japan nur ein Strohfeuer ist. Die meisten Bürger in Deutschland schreien kurz auf, wenn sie aber hören, dass sie für Ökostrom mehr bezahlen sollen, werden sie plötzlich wieder ganz still! Ich persönlich finde, dass es ganz unabhängig von schlimmen Ereignissen eine Umdenke geben muss! Es wird uns ja schon recht einfach gemacht, Strom zu sparen – allein der richtige Anbieter macht schon eine ganze Menge aus! Man sollte unbedingt regelmäßig Strompreise vergleichen und sich gründlich informieren. Man kann alleine schon Strom und Geld sparen, indem man Abzockern den Kampf ansagt – alle Fixverträge, bei denen man im Voraus zahlen muss, oder Verträge mit ewig langen Kündigungfristen sollten komplett gemieden werden. Das ist zwar noch nicht die Welt, aber es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung! Ich kann nur allen empfehlen, mal sämtliche Tarife auf dem Markt zu checken und zu gucken, wo man selbst gerade steht. Ein Wechsel geht leichter als man denkt und ist immerhin auch kostenlos.

    Soviel von meiner Seite :)
    Viele Grüße,
    Sylvie

  • 7. Energieberatung Bremen  |  05.Dezember 2011 at 08:59

    Auf so simple Ideen muss man erst einmal kommen: Im strengen Businessalltag kollektiv die Kleidung reduzieren, um die Klimaanlagen zu entlasten. So einfach und doch so effektiv! Von solchen Ideen brauchen wir alle mehr – gegen große Maßnahmen erheben schließlich meistens viele Menschen ihre Stimmen. Solche Kleinigkeiten aber lassen sich schnell und großflächig umsetzen. Vielen Dank für den interessanten Artikel!
    Beste Grüße aus Bremen sendet die Bremer Energieberatung enerpremium

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