Tendenziöse Wahrnehmungen der Klimaprognosen

15.Juli 2012

Ein soeben erschienener Kommentar von Maslin und Austin in Nature mit dem Titel “Climate Models at their limit?” sorgt in der Presse für einigen Wirbel, z.B. widmet die NZZ der Arbeit einen halbseitigen Beitrag in der Rubrik Forschung und Technik unter dem Titel “Ãœberstrapazierte Klimamodelle?”.

In dem Kommentar machen sich die Klimaforscher Mark Maslin  und Patrick Austin Sorge um den Ruf der Klimaforschung.  Trotz grosser Fortschritte durch eine zunehmende Verfeinerung der Klimamodelle wird der Unsicherheitsbereich der Prognosen auch im 5. IPCC Assessment Report gemäss den Autoren nämlich kaum reduziert werden. In einigen Punkten könnte es sogar zu einer Vergrösserung des Unsicherheitsbereichs kommen. Das könnte in der Öffentlichkeit und der Politik den Eindruck erwecken, dass der Klimawandel inzwischen weniger klar sei – eine Meinung, die sowieso lautstark von vielen sog. Klimaskeptikern vertreten wird.

Das eigentliche Anliegen von Maslin und Austin ist jedoch das genaue Gegenteil, nämlich wirksame Massnahmen gegen den Klimawandel durchzusetzen und zu beschleunigen. Sie diagnostizieren einen Unwillen der Politiker, die langfristigen Interessen der Gesellschaft zu vertreten. Die Ausrede, die Klimaforschung müsse zuerst Zweifel beseitigen und präzisere Ergebnisse liefern, gelte schon lange nicht mehr. Mit folgendem Bild zeigen die Autoren, dass die Schätzungen/Berechnungen der Klimasensitivität seit 70 Jahren etwa gleich geblieben ist, sich also als überraschend robust erwiesen haben. Die Modelle können auch die natürliche Klimavariation der letzten 150 Jahre sehr gut beschreiben. Der Temperaturanstieg durch das emittierte CO2 wird von den Modellen ebenfalls richtig wiedergegeben.

Für wirksame Massnahmen gegen die Klimaerwärmung muss man nicht auf bessere Modelle warten. Der Beweis, dass der Mensch den Klimawandel verursacht ist, so Maslin und Austin, erbracht.

 

Der Kommentar von Maslin und Austin enthält keine neuen Forschungsergebnisse, auch dem interessierten Laien sind die Aussagen zu den Unsicherheitsbereichen längst bekannt. Z.B. hat Knutti schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass wahrscheinlich noch für einige Zeit der Unsicherheitsbereich für die Klimasensitivität nicht weiter reduziert werden kann. Der Hauptgrund dafür ist die schwierige Modellierung der kleinräumigen Wolkenbildung, die auch durch die leistungsfähigsten Computer noch nicht genügend aufgelöst werden kann. Maslin und Austin schlagen vor, den Schwerpunkt der Massnahmen gegen den Klimawandel auf “no-regret” Massnahmen zu legen. Das sind Massnahmen, die auch ohne Klimawandel von Nutzen sind. Ein Beispiel wäre weniger Auto zu fahren, weil das gut für die Gesundheit ist. Ob das tendenziöse Schlussfolgerungen verhindert, muss man bezweifeln. Es könnte im Gegenteil noch das Missverständnis verstärken, die Forscher glaubten selber nicht mehr an ihre Erkenntnisse.

Mit dem überwiegenden Fokus auf dem unteren Ende der Klimasensitivität – es könnte vielleicht doch alles nicht so schlimm sein – findet jedoch vor allem das obere Ende des Schwankungsbereichs zu wenig Beachtung, obwohl von dort die grössten Gefahren ausgehen. Die Veränderungen könnten wesentlich grösser ausfallen und schneller verlaufen als im wahrscheinlichsten Szenario. Die Wahrscheinlichkeit für derartige Extremverläufe ist auch relativ gross, vor allem wenn man noch in Rechnung stellt, dass die Klimamodelle bisher nicht in der Lage sind, abrupte Klimaänderungen richtig zu simulieren. Das Abschmelzen der Eisschilde erfolgt z.B. wesentlich schneller als bisher in den Modellen wiedergegeben. Maslin und Austin weisen auf eine Arbeit von Paul Valdes in Nature of Geoscience hin, die sich mit der Modellierung von abrupten Änderungen befassen. Valdes schreibt: “State-of-the-art Klimamodelle sind ungetestet bezüglich abrupten Klimaänderungen wie sie in der Erdgeschichte immer wieder vorgekommen sind. Es wäre Ausdruck eines gewaltigen Glaubens, anzunehmen, dass die Modelle eine zuverlässige Warnung vor plötzlichen Katastrophenereignissen liefern könnten.”

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

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