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Landwirtschaft: Schlüsselrolle für Klima, Ernährung, Wasserversorgung und Armutsbekämpfung

“Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf über 9 Milliarden anwachsen, der Bedarf an Agrarprodukten wird sich verdoppeln. Gleichzeitig wird die Landwirtschaft zunehmend durch Wasserknappheit, Klimawandel und Klimaschwankungen bedroht, was zu einem erhöhten Risiko von Produktionsausfällen führt” – so steht es auf der World Economic Forum (WEF) Website unter  “Agriculture and Food Security”. Es folgt ein Appell an alle “Stakeholder” zur Zusammenarbeit. Inhaltliche Aussagen, was denn zu tun sei, sucht man vergebens. Zu unterschiedlich sind wohl die Interessen der verschiedenen Stakeholder, die von den grossen Agrokonzernen bis zu den Kleinbauern in Entwicklungsländern reichen. Im Tagesanzeiger vom 23. Januar hat Caroline Morel,  die Geschäftsleiterin von Swissaid die WEF-Beiträge als “Alter Wein in neuen Schläuchen” kritisiert. In der NZZ vom 31.1. erschien ein typischer Lobby-Beitrag (Polemik statt Fakten) unter dem Titel: “Keine Experimente mit der Welternährung” – im Wesentlichen ein Plädoyer für die industrielle und gegen die Bio-Landwirtschaft.

Wesentlich konkretere und von vielen Fachleuten sehr sorgfältig ausgearbeitete Massnahmen hat die Umweltorganisation der Vereinten Nationen UNEP in ihrem  “Green Economy Report” ausgearbeitet. Dieser Bericht untersucht sehr detailliert folgende Wirtschaftssektoren: Landwirtschaft, Fischerei, Wasser, Wälder, Energie, Fabrikation, Abfall, Gebäude, Transport, Tourismus, Städte und zwar in einer weltweiten Betrachtung. Ein weiterer wichtiger Bericht, der auch in den UNEP Bericht einfloss “Agriculture at Crossroads” wurde von den Experten der International Assessment of Agricultural Knowledge erarbeitet. Im Folgenden fassen wir stichwortartig einige Schlüsselaussagen dieser Berichte zusammen .

Zwei Landwirtschaftssysteme – beide nicht nachhaltig

Die heutige Landwirtschaft ist zweigeteilt:

1. die Resourcen-intensive industrielle Landwirtschaft der entwickelten Länder (linkes Bild)

2. die traditionelle Landwirtschaft mit überlieferten Praktiken, die auf Naturvölker und deren traditionelles Wissen zurückgehen und ohne Einsatz von externem Dünger oder Pflanzenschutzmitteln auskommen (rechtes Bild).

Beide Systeme sind schädlich fürs Klima – die Landwirtschaft trägt laut dem letzten IPCC Bericht insgesamt etwa ein Viertel zu den Treibhausgasemissionen bei – wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen, beide müssen deshalb grundlegend reformiert werden. Die nötigen Reformen zu einer “grünen Landwirtschaft” führen nicht nur zu einem wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung der Klimaerwärmung, sie führen vor allem auch zu einer erhöhten Lebensmittelproduktion.

“Unsere” hochproduktive Intensiv-Landwirtschaft setzt nicht nur Treibhausgase aus dem Boden frei, der enorme Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden und Herbiziden sowie von Maschinen bedingt einen hohen Verbrauch von Erdöl, der sich wiederum in der CO2 Bilanz niederschlägt. Pro endosomatischer (im Körper nutzbare) Kalorie verbraucht die hochproduktive Landwirtschaft 10 exosomatische Kalorien in Form von Dünger, Herbiziden, Maschinen usw. Diese klimaschädlichen Verbräuche stiegen die letzten Jahrzehnte steil an – zwar stieg dadurch die Produktivität, von der wir in grossem Umfang profitierten, allerdings unter Inkaufnahme von schädlichen, nicht länger tolerierbaren Nebenwirkungen. Exorbitant ist auch der Wasserverbrauch, siehe folgendes Bild aus dem UNEP Bericht.

Bild aus UNEP Bericht: nicht-nachhaltig ansteigende Verbrauchskurven der industriellen Landwirtschaft der Industrieländer

In grossem Kontrast zu dieser Intensiv-Landwirtschaft stehen die 525 Millionen Kleinbauern in Entwicklungsländern. 404 Millionen bewirtschaften eine Landfläche von weniger als 2 Hektaren. Diese Kleinbauern tragen etwa 70 Prozent zur globalen Nahrungsmittelproduktion bei. In dem UNEP Bericht heisst es: “es wird zwar oft angezweifelt, aber es gibt substantielle Hinweise, dass diese Kleinbetriebe grössere Flächenerträge erwirtschaften als die Grossfarmen”. Die Produktivität dieser Kleinbetriebe ist jedoch ausserordentlich niedrig, die Bauern sind dementspreched extrem arm (weniger als ein Dollar pro Tag). Die schädlichen Auswirkungen dieser Landwirtschaft liegen in der zunehmenden Abholzung und auch Übernutzung.

Zukunft: Grüne Landwirtschaft

Die genannten Nachteile beider Systeme können durch folgende Transformations-Massnahmen beseitigt oder gemildert werden:

■■ Wiederherstellung und Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit durch erhöhten Einsatz natürlicher Dünger, diversifizierte Fruchtfolge-Rotation, integrierte Frucht- und   Tiersorten-Abstimmung
■■ Reduktion der Erosion und bessere Wassernutzung durch Minimal-Bewässerung und Kulturen-Abdeckung
■■ Reduktion von Pestizid- und Herbizid-Einsatz durch integrierte biologische Schädlings- und Unkrautbekämpfung
■■ Reduktion der heute sehr hohen (mehr als 50%) Verlustrate von Lebensmitteln durch bessere Lager- und Verarbeitungsmöglichkeiten.

In den Industrieländern heisst das Übergang zu biologischer Landwirtschaft. Die Klimaauswirkungen dieser Transformation wurden für deutsche Betriebe untersucht. Konventionelle Betriebe emittieren ca 600 kg Kohlenstoff pro Hektar und Jahr während biologische Betriebe 400 kg Kohlenstoff pro Hektar und Jahr in den Boden einlagern (sequestrieren). Das IPCC schätzt, dass die Landwirtschaft insgesamt bis 2030 etwa 6 Gigatonnen CO2 pro Jahr sequestrieren könnte und während 50 Jahren als Kohlenstoffsenke wirken könnte. Der Ertrag geht bei dieser Transformation nur in bescheidenem Umfang zurück.

Für die Kleinbauern ergibt sich dagegen ein massiver Ertragszuwachs. Für konkrete Beispiele in Afrika wurden Werte zwischen 54 und 179 Prozent gemessen.

 Die Transformation ist in Gang gekommen

Die nötige Umstellung ist eine gigantische Herausforderung. Die Kosten werden von der UNEP auf 200 Mrd Dollar pro Jahr bis 2050 geschätzt. Die Rentabilität dieser Investitionen ist jedoch mit bis zu 50% sehr hoch. Die Transformation hat auch bereits begonnen. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL hat ermittelt, dass die Märkte für biologisch angebaute Lebensmittel zwischen 2000 und 2007 um 10 bis 20 % pro Jahr gewachsen sind und 2009 einen Wert von etwa 55 Mrd Dollar erreicht haben.

Die sehr wichtigen wassersparenden Anbaumethoden (Mikro- und Tropfen-Bewässerung) befinden sich auch im exponentiellen Wachstum. Der Wasserbedarf kann damit halbiert werden, der Bedarf an Chemikalien geht zurück während der Ertrag um bis zu 150% zunimmt. Speziell in Ländern mit Wasserknappheit werden diese Techniken rasch eingeführt, siehe Bild.

 

Positiv für Klima, Ernährung, Wassernutzung und Armutsbekämpfung

Die von UNEP geforderten Veränderungen sind nicht nur aus Klimaschutzgründen dringend. Sie dienen gleichzeitig der Ertragssteigerung und verbessern die Anpassung an die Klimaveränderung. Damit scheint eine ausreichende Ernährung auch von 9 Mrd Menschen möglich.  Die Massnahmen verbessern ausserdem die Wassernutzung – auch das eine dringende Notwendigkeit – und sie verbessern die Einkommen der heute extrem armen bäuerlichen Bevölkerung der Entwicklungsländer. Die genannten Ziele befinden sich somit nicht, wie gelegentlich behauptet wird, im Widerspruch, sie lassen sich mit denselben Massnahmen erreichen.

Autor: Klaus Ragaller

 

jetzt kommentieren? 31. Januar 2012

Klima-Kippeffekt Permafrost

In den Böden der nördlichen Hemisphäre sind 1700 Milliarden Tonnen Kohlenstoff im Permafrost gespeichert. Ob und wie schnell dieser Kohlenstoff infolge der Klimaerwärmung freigesetzt wird und damit die Klimaerwärmung weiter verstärkt, ist Gegenstand intensiver Forschung. Die neuesten Erkenntnisse gehen von einem stetigen aber relativ langsamen Freisetzungsprozess aus. Es bleibt also Zeit zu handeln, angesichts der Grösse des Effekts ist Dringlichkeit angesagt.

mehr lesen... bisher 1 Kommentar 22. Dezember 2011

“Natürliche” Klima-Schwankungen – unterschätzt, überschätzt oder mystifiziert?

“Natürliche Schwankungen” werden oft von sog. Skeptikern als alternative Ursache des Temperaturanstiegs der letzten Jahrzehnte herangezogen. Die Klimaforschung hat mit immer raffinierteren Methoden nicht nur zeigen können, dass für den überwiegenden Teil des Anstiegs nur die CO2 Emissionen infrage kommen. Die Ursachen der überlagerten natürlichen Schwankungen werden auch immer besser verstanden und von den Klimamodellen nachgebildet.

mehr lesen... jetzt kommentieren? 16. Dezember 2011

Stärkere Tagesschwankungen des Wetters als Folge der Klimaerwärmung

Eine statistische Auswertung der Wetterbeobachtungen durch Medvigy, einen Forscher der Princeton University, zeigt, dass sich die Klimaerwärmung auch durch stärkere Schwankungen des Wetters in ganz kurzeb Zeitskalen, von einem Tag zum nächsten, bemerkbar macht. Dies hat Auswirkungen auf das Pflanzenwachstum und damit auch eine Rückkopplung auf das Klima.

mehr lesen... jetzt kommentieren? 05. Dezember 2011

5 Jahre Klimablog.ch

Im Dezember 2006 haben wir, Jürgen Ragaller und Klaus Ragaller, den Klimablog.ch gestartet. Die ersten zwei Beiträge vom Dezember 2006 zeigen welch geradezu verblüffende Aktualität diese Themen nach 5 Jahren noch haben: Der drohende beschleunigte Anstieg des Meeresspiegels und die “fossile” Verkehrs(-Ausbau)Politik im Kanton Zürich. In 74 Beiträgen haben wir seitdem über die Klimaforschung, über Alternativenergien, über Klimapolitik berichtet. Dabei legen wir Wert auf wissenschaftlich zuverlässige Quellen einerseits und auf eine auch für Nicht-Spezialisten verständliche Darstellung.  (Infolge des zeitlichen Freiraums eines Pensionisten konnte Klaus Ragaller die meisten Beiträge für den von Jürgen Ragaller initiierten, eingerichteten und betreuten Blog erarbeiten).

Pro Monat werden diese Beiträge von etwa 500 bis 1000 Lesern angeklickt. Die “Beliebtheit” der Beiträge schwankt enorm – absoluter Spitzenreiter ist “Die Kuh, das Auto und das Klima“. Auch die Kommentare sind sehr ungleich verteilt. Inhaltlich reicht das Spektrum von “zustimmend, ergänzend” bis zu den wohl in allen Klimablogs zu beobachtenden Wortmeldungen aus der sog. Skeptiker-Szene.

Die entstandene Sammlung von 74 Beiträgen ist inzwischen ein recht umfassendes Nachschlagewerk für ein breites Spektrum von Themen im Zusammenhang mit der Klimaproblematik: Klimaforschung, Klimaprognosen, Klimaschutz, wirtschaftliche Aspekte, alternative Energien, Energieforschung. Wir verwenden ältere Artikel so weit wie möglich als Ausgangspunkt für weiterführende Beiträge. Dabei überprüfen wir sie auf ihre Aktualität und Gültigkeit. Bisher haben sich die Beiträge dabei als zuverlässig und kaum ergänzungsbedürftig erwiesen, im Gegenteil: mit Hilfe des Suchfeldes oben rechts findet man schnell zu wichtigen Stichwörtern einschlägige Beiträge, mit denen man sehr schnell einen guten Überblick zum Wissensstand erhält. Neben dem Überblick auch Hinweise und Links zu weiterführenden Informationen, zu Originalarbeiten, zu Bildern und Grafiken.
Davon kann man sich einen Eindruck verschaffen durch Eingabe folgender Suchbegriffe: Klimamodelle, Klimaprognosen, Solarstrom, CCS, Kosten von Klimaschutz, thermohaline Ozeanzirkulation…
Wir sind gerne bereit, auf Anregungen oder Anfragen von unseren LeserInnen auch bisher nicht oder nicht genügend abgedeckte Themen zu recherchieren und daraus einen Blog-Beitrag zu erstellen, sofern es thematisch zu den genannten Blog-Themen passt und die Fokussierung auf verlässliche wissenschaftliche Quellen gegeben ist.

Jürgen und Klaus Ragaller

 

bisher 1 Kommentar 29. November 2011

Ein brillianter Video-Kurs über den Stand der Klimaforschung

Das Pacific Institute for Climate Solutions hat einen kurzen, präzisen und didaktisch gut aufbereiteten Kurzkurs von anerkannten Klimaforschern über die Grundlagen des Klimawandels zusammengestellt. Den Kurs kann man interaktiv im Internet durchlaufen, das eigene Wissen kann man mit Hilfe von Fragen zu jedem Kapitel überprüfen.

mehr lesen... bisher 1 Kommentar 27. Oktober 2011

Die Arktis als Hauptbühne im Klima-Drama

Die Meereisbedeckung in der Arktis erreichte diesen Sommer ein neues Minimum. Die am Nordpol installierte Webcam versank im Wasser. Auch der grönländische Eisschild verliert mit zunehmender Geschwindigkeit an Masse. In anbetracht der grossen Auswirkungen, die von der Arktis in der Klimageschichte ausgingen, sind diese Entwicklungen besorgniserregend.

mehr lesen... jetzt kommentieren? 13. Oktober 2011

Neueste Generation der Klimamodelle: ein faszinierendes Video, detaillierte Prognosen und Klärung von bisher offenen Fragen

Das Center for Climate Systems Modeling der ETH Zürich zusammen mit MeteoSchweiz hat mit den neuesten hochaufgelösten Klimamodellen ein Video produziert, das einen spektakulären Eindruck vom Stand der Klimamodellierung gibt. Ausserdem wurde eine neue Prognose für die Klimaentwicklung in der Schweiz publiziert.

mehr lesen... jetzt kommentieren? 05. Oktober 2011

15% weniger Stromverbrauch auf einen Schlag – Lehren aus der japanischen Katastrophe

Für die japanische Stromversorgung fielen infolge der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe 37 Kernkraftwerke auf einen Schlag weg. Dennoch konnten blackouts verhindert werden. Das war zum Teil nur durch Notmassnahmen möglich, wie der Verlagerung von Produktionszeiten. Als Folge des Sparzwangs wurde aber auch eine Vielzahl von neuen, intelligenten Möglichkeiten zu einem sinnvolleren Umgang mit dem Stromverbrauch gefunden. Dies sind lehrreiche Entwicklungen, die über Japan hinaus von grossem Interesse sein werden bei der Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien.

mehr lesen... bisher 7 Kommentare 25. August 2011

Neue (revolutionäre?) Methode zum Speichern von Sonnenenergie

Das Klima- und Energie-Problem hat eine intensive Forschung nach neuen Technologien stimuliert. Vom MIT wird die Entdeckung eines neuen Materials gemeldet, das Sonnenenergie in Form von Wärme speichern kann und zwar mit einer Energiedichte wie eine Hochleistungsbatterie. Die Wärme kann ohne Verluste über längere Zeit gespeichert werden und mit einem Trigger auch jederzeit wieder freigesetzt werden.

mehr lesen... bisher 1 Kommentar 03. August 2011

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