Sucht nach Prognosen?

02.Januar 2007

„Das Jahresende ist die Zeit der Prognosen. Von der Wettervorhersage bis zum Klimawandel: Der Mensch vertraut unbestechlich scheinenden Trendrechnungen. Doch diese sind oft nicht mehr als Glaubenssache.“ So kündigt die NZZ den Artikel “Sucht nach Prognosen” von Josef Reichholf in der Ausgabe vom 30./31. Dezember an.

Recht pauschal aber doch mit Blick auf den Klimawandel werden da Prognosen aller Art, vor allem unangenehme, in die Nähe des Glaubens gerückt.

Dass die wissenschaftliche Erkenntnis – wo immer ihre Methodik anwendbar ist – für sichere Orientierungshilfe sorgt, sollten wir jedoch bei aller berechtigten Kritik nicht vergessen, sonst sägen wir an dem Ast auf dem wir sitzen. Die nächste Sonnenfinsternis – einst Bereich des Glaubens oder Aberglaubens – lässt sich sicher prognostizieren. Auch der Anschauung nicht zugängliche, komplexe Phänomene wie z.B. die Zersetzung der Ozonschicht durch FCKW Emissionen konnten als breit abgesicherte Erkenntnis dem Glaubenszweifel entzogen werden, sodass noch rechtzeitig grösserer Schaden verhindert werden konnte.

Was den Klimawandel betrifft, ist der wissenschaftliche Erkenntnisprozess in den letzten Jahren schnell fortgeschritten. Detaillierte Vergleiche von mit Satelliten gemessenen Temperaturprofilen der Atmosphäre mit immer vollständigeren Klimamodellen, die Eichung der Modelle über Jahrtausende mittels Eisbohrkernen – auf diesem Niveau gewinnt die Wissenschaft die von ihr selbst am stringentesten geforderte Sicherheit. Für Interessenten, die sich selbst einen Einblick in entsprechende aktuelle wissenschaftliche Originalarbeiten verschaffen wollen, sind hier zwei Beispiele:1, 2

Reichholf zählt einmal mehr die zur Zeit von vielen mantraartig wiederholten Klischees auf, die aufgrund ihrer oberflächlichen Plausibilität geeignet sind, die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und das Ergreifen von Gegenmassnahmen zu behindern.

Bei jeder Gelegenheit müssen diese Einwände deshalb geduldig immer wieder widerlegt werden:

Lokale Schwankungen („noch Anfang Juni schneite es wenige Kilometer südlich von München“) werden ins Feld geführt nicht nur gegen die tatsächlich nicht besonders zuverlässigen mittelfristigen oder gar langfristigen Wettervorhersagen, sondern gegen die Klimaprognosen, weil sie ja noch viel längerfristig sind. Dieses scheinbare Paradoxon ist in verschiedenen Bereichen der Wissenschaft anzutreffen. Der Auftrieb eines Flugzeugs lässt sich höchst präzis berechnen und vorhersagen, ohne dass dies für die detaillierte Struktur der mit für den Auftrieb massgeblichen Grenzschicht möglich wäre – eine Analogie, die dem Klimaproblem nahe steht, da es sich um weitgehend dieselben Gleichungen handelt. Dem Auftrieb entspricht die Aussage über die globale mittlere Temperatur, den einzelnen Wirbeln in der Grenzschicht entsprechen die lokalen Wetterschwankungen.

Die Komplexität mache Vorhersagen über einen längeren Zeitraum nicht möglich, lautet ein weiterer Einwand („Kein einziges natürliches System von nennenswerter Grösse ist bis anhin so gut erforscht, dass sein Verhalten über einen längeren Zeitraum hinweg vorausgesagt werden könnte“ „Vielleicht wird es nie möglich sein, wenn die Chaostheorie recht hat“). Selbst ein kleines Gasvolumen besteht aus einer riesigen Anzahl von Molekülen – ein Paradebeispiel für ein „natürliches“ System „nennenswerter“ Grösse. Es wäre auch tatsächlich völlig aussichtslos, die Bahnen aller Moleküle vorherzusagen. Dennoch kann das integrale Verhalten des Gases höchst präzis über beliebig lange Zeiträume berechnet und vorhergesagt werden. Daran ändert schon gar nicht die Chaostheorie etwas. Sie ist nur für ganz bestimmte, genau eingrenzbare Phänomene zutreffend. Als pauschales Misstrauen gegen wissenschaftliche Aussagen für komplexe Systeme mag sie populär sein, sie so zu verwenden ist jedoch unprofessionell und unverantwortlich.

Eine Sammlung sorgfältiger Antworten von Klimaforschern auf die verschiedenen Einwände von Klimaskeptikern findet sich bei 3 unter “responses to common contrarian arguments“.

All das heisst aber nicht, dass es nicht noch Unsicherheiten in den Vorhersagen gibt.

Es gibt noch eine Reihe von nicht genau quantifizierten Effekten, eines der wichtigsten betrifft die Wirkung von Aerosolen. Professionelle wissenschaftliche Methodik grenzt solche Unsicherheiten ein: welche Grenzwerte ergeben sich, wenn alle Unsicherheiten in die pessimistische und welche wenn alle in die optimistische Richtung gehen. Daraus lassen sich für die zu erwartende Temperaturerhöhung Toleranzbereiche angeben. Dies wird oft missverstanden als Unzuverlässigkeit. Das Gegenteil ist der Fall: Die Unsicherheit wird als solche beschrieben, dokumentiert, quantifiziert und im weiteren Forschungsprozess immer weiter eingeengt.

Die von Reichholf „als einen ersten Schritt zur Verbesserung“ geforderten finanziellen Konsequenzen von falschen Einschätzungen sind für die Versicherungen längst Alltagsgeschäft. Dementsprechend sorgfältig sind sie im Bewerten wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das Ergebnis ist genau umgekehrt zu dem von ihm erwarteten: nicht mehr Skepsis gegenüber den Klimaprognosen, sondern die Aufforderung zu Massnahmen. Die SwissRe schreibt in ihrem neuesten Bericht zum Klimawandel 4 : „Based on the findings of the study, Swiss Re forecasts a significant rise in damage from storm events in the long term, creating additional risk for society and insurers to manage.” Und weiter: “Finally, the publication points to the need for a concerted effort by all economic and societal stakeholders to develop a successful solution for the challenges of climate change”.

Autor: Klaus Ragaller

Literaturhinweise:

1 Temperature Trends in the Lower Atmosphere: Steps for Understanding and Reconciling Differences. Thomas R. Karl, Susan J. Hassol, Christopher D. Miller, and William L. Murray, editors, 2006. A Report by the Climate Change Science Program and the Subcommittee on Global Change Research, Washington, DC.

2 Using mulitple observationally-based constraints to estimate climate sensitivity J.D. Annan and J.C. Hargreaves, Yokohama Japan

3 RealClimate, Climate science from climate scientists

4 Swiss Reinsurance Company, Latest Publications, “The effects of climate change”

Artikel gespeichert unter: Presseschau

bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Andreas Edelmann  |  06.Januar 2007 at 16:36

    Danke für diesen guten Bericht, resp. die klare Antwort auf das Infragestellen der Klimaprognosen. Es ist richtig und wichtig, ebendiese Klarstellungen zu machen, dass die Wissenschaft nicht alles weiss, aber doch sehr zuverlässige Modell und Vorhersagen erstellen kann.
    Wichtig wäre hier noch zu erwähnen, dass diese Anzweiflungen wissenschaftlich kaum geteilt werden, sondern als weit verbreitete „Ausreden“ genutzt werden. Wer sich und seinen Lebensstil nicht ändern will, resp. so nachhaltig wie möglich gestalten will, möchte natürlich nicht dauernd daran erinnert werden, dass sie/er eben auf zu grossem Fuss leben. Und was man nicht hören will, wird einfach abgestritten, eben in den vagen Bereich des Glaubens verschoben.

    Dass es auch anders geht, zeigen 2 Frontthemen in den letzten beiden Samstagsausgaben des Tages-Anzeiger:
    30.12.06: Das Thema Klimaerwärmung wird als uns alle betreffendes Problem dargestellt, mit der Aufforderung, aktiv zu werden, weil wir alle noch eine Weile hier leben wollen.
    Und heute
    6.1.07: Die bereits angesprochene SwissRe gewährt ihren Mitarbeitern grosszügige Unterstützung, um im persönlichen Umfeld CO2-Reduktionen zu erreichen.

  • 2. Klimawandel: baldige Käl&hellip  |  08.Januar 2008 at 09:51

    [...] Denkapparat anzuschmeißen und alles, aber auch alles kritisch zu hinterfragen. Wir sind süchtig nach Prognosen, aber manchmal kann auch das Ergebnis ernüchternd sein: man weiß es [...]

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