UNO-Klimakompendium: alarmierende Erkenntnisse – wann reagiert die Öffentlichkeit?

28.September 2009

Weltweit wird mit beispielloser Intensität zu den diversen Aspekten des Klimawandels geforscht. Die letzte umfassende Übersicht über den Stand der Forschung erschien vor zwei Jahren mit dem IPCC Bericht. Dieser fand grosse Beachtung und hat auf politischer Ebene einiges in Gang gebracht und unser Bild über die Thematik bis heute geprägt.

Was hat die Forschung seit dem letzten IPCC Bericht herausgefunden? Wurden frühere Ergebnisse bestätigt, korrigiert oder widerlegt, welche Fragen sind noch strittig oder ungelöst? Gibt es neue, bisher zu wenig beachtete Erkenntnisse?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden 400 Originalpublikationen der letzten 3 Jahre aus renommierten Zeitschriften, die die Qualität durch sog. Peer-Reviews überwachen, von einer Gruppe von Wissenschaftlern der UNEP (United Nations Enverionment Programme) ausgewertet. Ihr Bericht ist soeben erschienen “Climate Change Science Compendium”. Der Bericht bietet eine sehr lesenswerte, verständliche Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse, aber auch als Quelle für Zitate der ausgewerteten Originalarbeiten ist er hervorragend. In einem Ausblick werden zukünftige Forschungsschwerpunkte genannt.

Im Vorwort des Berichts schreibt der UNO Generalsekretär Ban Ki-moon unter anderem:

Klimawandel ist die weltweit grösste Herausforderung, es ist eine planetarische Krise, die ein starkes, fokussiertes, weltweites Handeln erfordert. (“Climate change, more than any other challenge facing the world today, is a planetary crisis that will require strong, focused global action.”)

Ban Ki Moon

Starke Worte für einen Diplomaten.

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Der Brasilianische Künstler Nele Azevedo drückt die Dramatik mit seinen Eisfiguren aus, die nach ein paar Stunden schmelzen.

Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse begründen diese drastischen Aussagen?

Kurz zusammengefasst: die gefährlichen Entwicklungen vom Anstieg des CO2 über den Anstieg der Temperatur und des Meeresspiegels, dem Schmelzen der Gletscher und Eisflächen, der Versäuerung der Meere bis zum Auftreten von Wetterextremen verlaufen deutlich schneller als noch in dem IPCC Bericht angenommen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen steigen die CO2 Emissionen immer noch stärker an als im pessimistischsten IPCC Szenario. Zum anderen ist die Aufnahmefähigkeit der Meere und der Böden- eine der Unsicherheiten bei der Klimamodellierung – geringer als bisher abgeschätzt. Das Abschmelzen der Gletscher und Eisbedeckungen, das man gerade erst besser zu verstehen beginnt, verläuft auch schneller als bisher gedacht.

Die Erforschung der Vorgänge in den Meeren und in den Eisbedeckungen sind Schwerpunkte der Forschung. Der Bericht enthält darüber zwei ausführliche Kapitel. Forschungsziel ist eine bessere Modellierung der Meeresströmungen, damit werden mehrjährige – eine Dekade ist anvisiert -und auf einzelne Kontinente zugeschnittene  Klimavorhersagen möglich (siehe dazu unseren früheren Beitrag). Auch neue Methoden der Satellitenmessungen dienen der Erforschung der Meeresströmungen und des Wasser- und Eishaushalts allgemein.

Zunehmend in den Fokus der Forschung genommen wurde die Gefahr von sog. Kipp-Effekten. Kipp-Effekte (Tipping Elements) sind abrupte, drastische und irreversible Veränderungen von Klima-Zuständen. Das Klima kippt von einem Zustand in einen völlig anderen, im Gegensatz zu einer kontinuierlichen stetigen Veränderung wie einem Anstieg der Temperatur, des Meeresspiegels usw. In dem Bericht wird u.a. folgende Originalarbeit zitiert, die in PNAS erschien (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) PNAS “Tipping elements”. Ein Team renommierter Forscher (Schellnhuber, Rahmstorf u.a.) hat in internationaler Zusammenarbeit (Potsdamer Institut für Klimaforschung, Carnegie Mellon Universität, University of East Anglia) neun Kipp-Effekte identifiziert und näher untersucht. Für jeden wird ein Schwellenwert und ein Zeithorizont, in dem das Kippen erfolgt, abgeschätzt.

Zwei dieser Kipp-Effekte sind durch die bereits erfolgten CO2 Emissionen nicht mehr zu vermeiden, da ihre Schwellenwert bei 2 Grad liegt. Die arktische Eisbedeckung könnte im Sommer schon in 10 Jahren verschwunden sein. Dies bewirkt eine positive Rückkopplung: das Meerwasser reflektiert nicht wie das Eis sondern heizt sich durch die Sonneneinstrahlung auf, die Temperatur steigt weiter an.  Das Grönland Eis ist ein weiterer solcher Kipp-Effekt. Auch hier liegt der Schwellwert unterhalb von 2 Grad. Der Zeithorizont ist allerdings mit 300 Jahren viel länger.

Bei einem Temperaturanstieg von 3 bis 5 Grad drohen einige weitere Kipp-Effekte mit massiven Auswirkungen. Die sog. thermohaline Zirkulation, zu der der Golfstrom gehört, könnte bei diesem Temperaturanstieg in einem Zeitraum von 100 Jahren zum Stillstand kommen. Die Monsun-Wetterlagen in Afrika und Asien könnten sich drastisch zu verändern (Monsunregen in der Sahara) und die tropischen Regenwälder drohen zu kippen. Diese Auswirkungen wären so drastisch und unbeherrschbar, dass daraus das Postulat abgeleitet wurde, den Temperaturanstieg auf unter 2 Grad zu begrenzen. Dies bedingt eine möglichst rasche Umkehr der immer noch ansteigenden Emissionen und eine Reduktion um 80 % bis 2050.

Die öffentliche Wahrnehmung hinkt der Forschung hinterher

Diese neueren Erkenntnisse sind sehr alarmierend. Ein Aufschrei der Medien wäre eigentlich angemessen. Davon ist nichts zu erkennen. Die gemessen an Alltagserfahrungen langsame Veränderung des Klimas führt wohl immer noch zu der trügerischen Annahme, dass genügend Zeit für Korrekturen bleibt und die Korrekturen nicht so drastisch sein werden. In der öffentlichen Debatte, in Artikeln und vor allem in Leserbriefen erhalten immer noch die Leugner und Zweifler eine unverhältnismässig grosse Resonanz, obwohl deren längst ausführlichst widerlegte Argumente seit Jahrzehnten unverändert mantraartig wiederholt werden.

Umso wichtiger sind objektive, verständliche und professionelle Übersichten über den aktuellen Forschungsstand wie sie dieser UNO Bericht liefert und natürlich auch die deutlichen  Worte von Ban Ki-moon – wie lange geht es noch bis dieser im September erschienene Bericht in den Medien erwähnt und besprochen wird?

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

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