Kopenhagen und die Versauerung der Meere

14.November 2009

Ein babylonisches Stimmengewirr im Vorfeld von Kopenhagen: Klima-Kommentare und Beiträge in allen Medien, auf Konferenzen und Tagungen und dies in allen Ländern und Sprachen. Die Forscher verkünden mit grosser Sorgfalt den Stand ihrer Erkenntnisse – wer zuhört muss daraus einen höchst dringlichen Handlungsbedarf ableiten (dazu z.B. unser  früherer Beitrag). Umweltorganisationen drängen entsprechend auf rasches Handeln. Gross ist aber noch die Gruppe der Zweifler, der sog. Skeptiker und Bremser. Sie äussern sich mit den immer gleichen sterilen Pseudoargumenten. Mehr im Hintergrund aber sehr einflussreich bremsen Lobbygruppen wie Economie Suisse (mit dem Anspruch für “die Wirtschaft” zu sprechen) oder die Erdölvereinigung (aus durchschaubaren Motiven). Politische Parteien decken ebenfalls das ganze Spektrum in voller Breite ab. (An dem ETH Klimagespräch vom  12. 11. erwähnte Bundesrat Moritz Leuenberger, dass in einer Nationalratskommission der Antrag gestellt wurde, die Mittel für die Vertretung der Schweiz in Kopenhagen zu streichen).

Als Blogger mit dem Ziel Ergebnisse der Wissenschaft und Lösungsansätze verständlich zusammenzufassen, fühlt man sich in dieser Informationslawine fast auf verlorenem Posten. Oder ist vielleicht gerade in dem Informationswirrwarr zusätzliche Orientierung gefragt? Immerhin besuchen etwa 3000 bis 4000 Besucher jeden Monat unseren Blog. Was könnte ein Mehrwert in der Informationsflut sein? Ein Thema bietet sich an, das schon seit einiger Zeit auf unserer “Warteliste” steht und das in der Diskussion viel zu kurz kommt: die Versauerung der Meere. Von drohenden Unwettern, Dürren, dem Meeeresspiegelanstieg, dem Abschmelzen der Gletscher wird vor allem gesprochen. Wenig über die Gefährdung des riesigen und für die Ernährung von Milliarden Menschen wichtigen Ökosystems Meer.

fisch

Bedrohter Lebensraum (Bild aus Fotowettbewerb).

Als Einstieg in die Problematik empfiehlt sich das  Video des United Nations Environment Programme, in dem Forscher die wichtigsten Fakten präsentieren. Eine übersichtliche Zusammenfassung findet sich auch in Wikipedia.

Das vom Menschen in die Luft freigesetzte CO2 wird mit einer gewissen Verzögerung zum Teil (etwa ein Viertel nach 200 Jahren, siehe unseren früheren Beitrag) vom Meer aufgenommen. Dieses gelöste CO2 versauert das Wasser, der pH Wert sinkt. Dadurch werden die Lebensbedingungen für die vielen Meeresbewohner, die Carbonat als Baustoff benötigen, existentiell bedroht. Dies sind bei weitem nicht nur die Korallen, es ist auch z.B. polares Plankton, das als Nährstoff für die ganze Ernährungskette im Ozean dient, ganze Ökosysteme sind bedroht. Auch die 2,5 Milliarden Menschen, die sich vom Meer ernähren, sind von dieser Ernährungskette abhängig.

In dem UNO Klimakompendium wird der aktuelle Forschungsstand auch zu dieser Frage kurz zusammengefasst. Die Versauerung der Meere ist bereits deutlich erkennbar, z.B. an absterbenden Korallen, der pH-Wert ist inzwischen von vorindustriell 8,2 durch den bereits erfolgten Eintrag von 500 Milliarden Tonnen CO2 auf etwa 8,05 abgesunken. Die selbst bei erfolgreicher Begrenzung der Emissionen noch zu erwartende weitere Versauerung übertrifft bei weitem die Werte, die seit 20 Millionen Jahren im Ozean herrschten. Das folgende Bild zeigt als Beispiel eine Berechnung der pH Werte für das A2 Szenario aus IPCC (dies ist ein mittleres Szenario, ohne drastische Reduktionen aber auch ohne die extreme Entwicklung der letzten Jahre). Werte von 7.9 bis 7.8 und sogar bis 7.6 pH könnten in diesem Fall verbreitet auftreten. Lebensräume für Lebewesen mit Carbonatbildung würden drastisch reduziert werden.  Auch diese bedrohlichen Entwicklungen verlaufen schneller als bisher angenommen. Säsonale Versauerung kann bereits heute an vielen Orten z.B. an der kalifornischen Küste beobachtet werden.

Versauerung

skala

Bild: Zunahme der Temperatur (links im Bild ) und Abnahme des pH Werts (rechts im Bild) im Vergleich von vorindustrieller Zeit (obere Bilder) bis zum Jahr 2100 (untere Bilder ) im Fall des A2 Szenarios nach IPCC. (aus GEOPHYSICAL RESEARCH LETTERS, VOL. 36, L10706, doi:10.1029/2009GL037488, 2009 “Sensitivity of ocean acidification to geoengineered climate stabilization”)

In der zitierten Arbeit wird auch der Einfluss des immer wieder in die Diskussion gebrachten Geoengineering untersucht. Alle diese für eine Reduktion der Temperatur erwogenen Massnahmen, die nicht zur Reduktion der CO2 Emissionen führen, verändern praktisch nichts an dem Versauerungsproblem – eigentlich müsste diese Debatte damit beendet sein.

Die Zusammenfassung übernehmen wir von dem oben zitierten UNO Video: Erwärmung, Versauerung und Verschmutzung – das sind für die Meere Zutaten für eine Katastrophe. Hoffentlich gibt es in Kopenhagen genügend viele und starke Stimmen, die sich gegen diese Entwicklung stemmen.

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Dyrn  |  16.November 2009 at 15:41

    Möglicherweise von Interesse:

    Letztes Wochenende fand in Tutzing (Bayern) eine dreitägige Tagung zum Thema “Der Klimawandel – Zwang zur Energiewende” statt. Teilnehmer u.a.: Der frühere Finanzminister Hans Eichel und der EU Kommissar für Energie, Andris Piebalgs.

    Tagungsbericht ist hier online: http://www.ttn-institut.de/klimawandel-energiewende

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