“Das Klima hat sich schon immer geändert” – Antworten auf häufige Zweifel

27.November 2009

Die Klimadebatte steigert sich gewaltig im Vorfeld von Kopenhagen. Die Wissenschaft meldet sich in vielen Variationen zu Wort und natürlich auch die grosse Szene der sog. Skeptiker. Welche Informationen in der grossen Flut sind da noch wichtig und was sind die fundierdesten Argumente, die man den Zweiflern entgegnen kann?  Eine Publikation sticht unter diesen beiden Aspekten aus der Flut heraus :

Eine Gruppe von hochrangigen Klimaforschern (u.a. Rahmstorf, Schellnhuber) hat für Kopenhagen eine sehr lesenswerte (die Zusammenfassungen und Übersichtsartikel werden ebenso wie die Forschungsergebnisse immer klarer) und gut verständliche Zusammenfassung des aktuellen Standes der Wissenschaft publiziert unter dem Titel  Copenhagen-Diagnosis.

In diesem Bericht werden auch Antworten auf die häufigsten Einwände gegeben.

“Das Klima hat sich schon immer geändert, auch ohne menschlichen Einfluss”. Diese Feststellung  einer bekannten Tatsache will im Gebrauch der sog. Skeptiker implizieren, dass der Mensch ohne Einfluss ist. Hierauf antworten die Wissenschafter im zitierten Bericht:

Natürlich. Aber vergangene Klimaänderungen sind kein Grund zur Beruhigung; vielmehr lehren sie uns, dass das Klima sehr empfindlich auf Änderungen des (Strahlungs-)Antriebs (englich: forcing) reagiert. Zwei Hauptschlüsse können aus der Klima-Geschichte gezogen werden:

Das Klima reagiert sehr stark auf Änderungen der Strahlungsbilanz der Erde. Das stützt die Annahme, dass das auch wieder passiert, wenn jetzt die Menschen die Strahlungsbilanz durch die Emission von Treibhausgasen verändern. In der Tat konnte mit Hilfe der Daten aus der Erdgeschichte quantifiziert werden, wie stark sich die Temperatur durch eine Veränderung der Strahlungsbilanz verändern wird (Klimasensitivität). Diese Daten bestätigen die aus den Klimamodellen berechnete Sensitivität, deuten sogar eher noch auf eine grössere Empfindlichkeit hin.

Die Folgen vegangener Klimaveränderungen waren gravierend. Die letzte grosse Eiszeit, in der es weltweit 4 – 7 Grad kälter war als jetzt, hat die Erdoberfläche und die Ökosysteme vollständig verändert, der Meeresspiegel war 120 m tiefer als jetzt.

Als die Erde 2 – 3 Grad wärmer war als jetzt, während des Pliozän, vor 3 Millionen Jahren, war der Meeresspiegel 25 bis 35 m höher infolge der kleineren Eisbedeckung.

Trotz dieser grossen natürlichen Klimaänderungen weist die Erwärmung der jüngsten Zeit bereits über diese geschichtlichen Vorgänge hinaus. Die Klimarekonstruktionen der letzten 2 Jahrtausende zeigen, dass sich die globale Temperatur nie um mehr als 0.5 Grad pro Jahrhundert geändert hat.

Copenhagen MeeresspiegelCopenhagen Gletscher

Bilder: aus dem Bericht Copenhagen-Diagnosis, zum Thema Meeresspiegelanstieg

Der Bericht enthält weitere Antworten auf häufig geäusserte Einwände, soweit sie einer wissenschaftlichen Argumentation zugänglich sind. Eine zweite Gruppe von ebenfalls sehr häufig geäusserten Zweifeln ist nicht mit Forschungsresultaten zum Klima zu widerlegen.

So schreibt der Economist in der aktuellen Ausgabe unter “a heated debate”: “Wir glauben nicht, dass der Klimawandel eine Gewissheit ist. Es gibt keine Gewissheiten in der Wissenschaft. Vorherrschende Theorien müssen ständig überprüft und verfeinert werden. Das ist die Aufgabe der Wissenschafter. Wenn sie aufhören würden, die gängige Meinung zu hinterfragen, hätte die Menschheit die Suche nach der Wahrheit aufgegeben. Die Skeptiker sollten nicht mundtot gemacht werden”. Ähnlich äussern sich viele unter Bezug auf Popper (siehe z.B. “Erdfiebermystik statt neuer Erkenntnis”). Dessen berühmtes Werk “Logik der Forschung” enthält die populär gewordene Aussage, dass eine wissenschaftliche Theorie nicht verifiziert, sondern allenfalls falsifiziert werden kann. Daraus wird wie beim Economist gefolgert, dass es keine wissenschaftlichen Gewissheiten gibt.

Keine Gewissheiten in der Wissenschaft? diese Aussage ist in einer Industriegesellschaft, die die Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse als wichtigsten Erfolgsfaktor wertet, zumindest merkwürdig. Wer zweifelt im Ernst am Energieerhaltungssatz oder an der Strahlungsabsorption von Molekülen?  Erst bei der Anwendung dieser zwei Gesetze – mehr braucht es für die erste Näherung nicht – auf die Klimaerwärmung werden Zweifel an “den Theorien” geäussert. Die Anrufung von Popper  – die den Einwänden wohl einen philosophischen Anspruch geben sollen – ist missbräuchlich, meist hat man den Verdacht, dass das dicke einschlägige Werk gar nicht gelesen wurde.  Popper nennt Gesetze, die vielfach bestätigt wurden “bewährte Gesetze”. Bewährung heisst nicht Verifikation, weil die Gültigkeit ausserhalb des überprüften Anwendungsbereichs nicht bekannt ist. Die Gesetze, die das Klima beschreiben, sind im Sinn von Popper bewährte Gesetze, die auch in der Klimaforschung innerhalb ihres Bewährungsbereichs gebraucht werden. Was verifiziert werden kann, sind die Vorhersagen, die die Theorien für eine spezifische Fragestellung liefern. Klimavorhersagen, wie die Klimasensitivität (siehe oben) können überprüft und verifiziert werden. In der Tat sind sie auch inzwischen auf verschiedenen unabhängigen Wegen überprüft worden: durch die Rekonstruktion der Klimageschichte und durch den in den letzten Jahren gemessenen Verlauf unseres ungewollten Experiments mit den Treibhausgasen. Wie in der seriösen Wissenschaft üblich, sind diese verifizierten Aussagen mit Fehlerbalken versehen, Messungen und theoretische Vorhersagen sind nicht beliebig genau. Mit diesen Unsicherheitsbereichen sollte sich die Diskussion intensiver beschäftigen. Vor allem das obere Ende der Vorhersagen, an dem wir uns zur Zeit bewegen (siehe linkes Bild oben), ist höchst beunruhigend.

Autor: Klaus Ragaller


Artikel gespeichert unter: Klima

bisher 12 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Markus Saurer  |  02.Dezember 2009 at 10:04

    …. nun ja… ähm. Aber zur Zeit steht nicht eigentlich die Theorie, sondern stehen die ihr zu Grunde gelegten Daten in Frage. Das ist m.E. der Gengenstand von Climategate.

    In diesem Sinne ist auch ihr heutiger NZZ-Beitrag voll anachronistisch, sozusagen.

    Gruss
    M.S.

  • 2. Klaus Ragaller  |  02.Dezember 2009 at 16:41

    Antwort an Herrn Saurer: auch zu dieser unsäglichen Episode gibt es inzwischen umfassende und kompetente Antworten, z.B. http://climateprogress.org/2009/12/02/climategate-newsweek-nasa-james-hansen-deniers-climate-science/ oder http://www.realclimate.org/index.php/archives/2009/12/cru-hack-more-context/ oder auch in derselben Ausgabe der NZZ weiter hinten in einem Interview mit Thomas Stocker.
    Meine Liste von unbegründeten Einwänden muss ich mit diesem Fall ergänzen – insofern haben Sie mit “anachronistisch” recht.

  • 3. Ruedi Menzi  |  09.Dezember 2009 at 08:28

    Können Sie mir die erste Naeherung vorrechnen? Ich suche schon seit längerer Zeit jemanden, der dazu in der Lage ist.

  • 4. Klaus Ragaller  |  09.Dezember 2009 at 10:28

    Antwort an Herrn Menzi: in folgendem Beitrag von RealClimate finden Sie eine einfache und schon recht gute Näherung in 6 Schritten: http://www.realclimate.org/index.php/archives/2007/08/the-co2-problem-in-6-easy-steps/
    Die 6 Schritte sind:
    Schritt 1: Beschreibung des natürlichen Treibhauseffekts
    Schritt 2: Spurengase, die diesen verursachen
    Schritt 3: Zunahme der Spurengase durch menschliche Emissionen
    Schritt 4: einfache Modelle für die Berechnung des “Strahlungsantriebs” durch die Zunahme der Spurengase
    Schritt 5: Abschätzung der Klimasensitivität mit verschiedenen Messdaten
    Schritt 6: Resultierende Temperaturerhöhung als Folge eines bestimmten CO2 Anstiegs.
    In dem zitierten Beitrag wird jeder Schritt erklärt und mit weiteren Referenzen versehen.

  • 5. Ruedi Menzi  |  10.Dezember 2009 at 22:39

    Danke! Ich fürchte, das Material hinter dem Link zu sichten braucht etwas mehr Zeit.
    Darf ich Sie inzwichen noch fragen, was an dem Graphen in der Mitte links Schlimmes dran sein soll?

  • 6. Klaus Ragaller  |  11.Dezember 2009 at 08:43

    Antwort an Herrn Menzi: ja was soll schlimm sein an einem Meeresspiegelanstieg von 6cm? Der messbare aktuelle Anstieg ist ein Vorbote des noch zu erwartenden zukünftigen Anstiegs. Wegen der thermischen Trägheit der riesigen Wassermassen der Ozeane stellt sich erst nach langer Zeit von 100 und mehr Jahren ein neues Gleichgewicht ein. Mit den aktuell gemessenen Anstiegen kann bis 2010 ein Anstieg um 2 m nicht ausgeschlossen werden, wie in einer soeben erschienen http://www.pnas.org/content/early/2009/12/04/0907765106.full.pdf gezeigt wurde. Ein weiterer informativer Beitrag dazu findet sich in Climate Progress unter “Sea Levels may rise three times faster than IPCC estimated”:http://climateprogress.org/2009/12/09/sea-level-rise-six-feet-three-times-faster-than-the-ipcc-estimat/

  • 7. Ruedi Menzi  |  11.Dezember 2009 at 17:30

    Ihrer Argumentation betreffend die Zitierung Poppers vermag ich nicht zu folgen. Angesichts der Kontroversen die da im Gange sind ist Skepsis durchaus angesagt. Die alltaegliche Bewaehrung der Naturwissenschaften beruht im Wesentlichen auf Wiederholbarkeit. Dieser Faktor ist bei der Klimadiskussion die jetzt laeuft naturgemaess nicht gegeben.

  • 8. Klaus Ragaller  |  12.Dezember 2009 at 10:45

    Antwort an Herrn Menzi: ich bin mit Ihnen einverstanden, dass man den Popper getrost beiseite lassen kann in Sachen Klima (er wird auch nur von abgehobenen sog. Skeptikern beigezogen). Die nicht mögliche Wiederholbarkeit ist vor allem deshalb ein Problem, weil einmal eingetretene Klimaschäden über Jahrhunderte weiterbestehen oder sogar irreversibel sind.

  • 9. Ruedi Menzi  |  12.Dezember 2009 at 16:55

    Nicht einverstanden! Man darf Poper hier eben gerade nicht vergessen! Sie machen nur deutlich, dass Sie hier nicht wie ein Naturwissenschafter argumentieren.
    In der Sache: Es koennte ebenso gut sein, dass der mit einer Erwaermung einhergehende Klimanutzen verhindert wird.

  • 10. Klaus Ragaller  |  13.Dezember 2009 at 10:09

    Antwort an Herrn Menzi: Nutzen durch die Erwärmung kann allenfalls in der Landwirtschaft in höheren Breiten erwartet werden. In dem UNO Klimakompendium (früherer Beitrag auf diesem Blog) wird diese Frage ausführlich behandelt. Das Fazit liest sich wie folgt: “Climate change threatens the sustainability of world agriculture. Its effects are likely to be unpredictable, making it particularly difficult forplant breeders, agronomists, and farmers to respond. As well as direct effects of changing climate on crops themselves, there will be indirect but potentially devastating pressures from weeds, pests, and diseases. It is essential that everyone involved in sustaining food production is ready to meet this challenge. How mankind emerges from the coming century or more of predicted major shifts in climate will depend on how well agricultural production can be maintained (Halford 2009). Of the Earth’s 13 billion arable hectares, 1.2–1.5 billion are under crops, with another 3.5 billion hectares being grazed. Agriculture is a major economic, social, and cultural activity for billions of people, and it provides a wide range of ecosystem services. To meet projected growth in human population and per capita food demand, historical increases in agricultural production will have to continue, eventually doubling current production— a significant challenge even without the complexities introduced by the changing climate. Agriculture is highly sensitive to climate variations…”

  • 11. Ruedi Menzi  |  14.Dezember 2009 at 16:05

    Das sind Spekulationen. Die werden dadurch, dass man sie mit Getoese breitschlaegt nicht zu Tatsachen.
    Dass Vorhersagen aufgrund von wissenschaftlicher Forschung eine heikle Sache sind, dafuer gibt es ja aktuellen Anschauungsunterrricht beim Thema Schweinegrippe. Man darf einigermassen erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass die Akteure nicht auch gleich noch die Viren in Umlauf setzen, wenn’s nicht klappt. … und hoffen, dass das so bleibt. Koennen Sie sich auch noch an die Subprime-Krise erinnern?

  • 12. Zimmerli Willi, Dr. Ing. Chem. ETH  |  01.Januar 2010 at 17:19

    Guten Tag Herr Ragaller
    Ich habe in der NZZ vom 2. Dezember ihren Artikel “Es harzt noch mit dem Wissens transfer aus der Klimaforschung” gelesen. Ich stimme mit Ihnen weitgehend überein. Einzig betr. dem sog. Zwei-Grad-Ziel meine ich, dass die Zeit nicht nur knapp ist, sondern dass es schon zu spät ist.
    Ich würde Ihnen gerne einen Beitrag schicken, weiss aber nicht wie man das macht.
    freundliche Grüsse
    Willi mZimmerli

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