Ernste Warnung von gewichtiger Seite

11.April 2008

“Die aktuelle Politik des Baus weiterer Kohlekraftwerke ohne CO2 Abscheidung zeigt, dass die Entscheidungsträger den Ernst der Situation nicht verstanden haben…. Ein weiterer Anstieg von Treibhausgasemissionen auch nur während einer weiteren Dekade eliminiert die Möglichkeit einer Rückkehr der Atmosphäre in einen Bereich in dem ein Umkippen mit katastrophalen Auswirkungen vermieden werden kann.”

Dies schreibt Jim Hansen in seiner neuesten wissenschaftlichen Publikation. Jim Hansen ist einer der renommiertesten Klimaforscher, ein Pionier auf diesem Gebiet. Er war führend in der Entwicklung der Klimamodelle, er hat als erster auf die Maskierung der einsetzenden Erwärmung durch Aerosole hingewiesen, er hat die Auswirkungen der Pinatubo Eruption von 1991 auf das Klima mit Erfolg vorausberechnet – eine wichtige Bestätigung der Klimamodelle, um nur einige Beispiele zu nennen. Weitere Informationen dazu findet man in dem sehr empfehlenswerten Buch von Spencer R. Weart: The Discovery of Global Warming, Harvard University Press 2003.

Die erwähnte Publikation “Target Atmospheric CO2: Where Should Humanity Aim?” (zusammen mit acht weiteren Forschern) fasst den aktuellen Stand der intensiven Forschungsanstrengung der letzten Jahrzente auf brilliante Art zusammen und zieht daraus weiterreichende Schlussfolgerungen als sie in dem auf Konsens angewiesenen IPCC Prozess möglich sind. Wie Klimamodelle, Eisbohrkerne, Sedimentuntersuchungen usw. sich zu einem konsistenten und mehrfach und unabhängig von einander abgesicherten Gesamtbild ergänzen, klarer und präziser kann man es nirgends lesen: eine Bestätigung der alten Erfahrung, dass jemand, der sein Gebiet wirklich versteht und beherrscht, es auch anderen verständlich machen kann. Das Verständnis der Klimaveränderungen der letzten 500 000 Jahre mit den mehrfachen Eis- und Warmzeiten ist verblüffend weit fortgeschritten, Rechnung und Beobachtung stimmen in unglaublichen Details überein (Fig. 1 der Publikation).

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Das Neue – und Aufsehenerregende – an der Publikation sind die Überlegungen zu den “längerfristigen” Auswirkungen des Anstiegs der Treibhausgase. Die bisherigen Modelle und damit auch die Aussagen des IPCC berücksichtigen die “schnellen”, positiven Rückkopplungen der infolge der Treibhausgase unausgeglichenen Strahlungsbilanz wie Wasserdampf, Wolkenbildung, Eisbedeckung der Meere. Dauert die Aufheizung länger an, dann werden weitere – ebenfalls positive – Rückkopplungen wichtig. Dazu gehören in erster Linie der reduzierte Albedoeffekt infolge der abschmelzenden Festlandeismassen und die reduzierte CO2 Aufnahme der tieferen Schichten der Meere infolge der Erwärmung sowie Veränderungen der Vegetation auf den Kontinenten. Diese langsamen Effekte sind noch sehr schwierig zu quantifizieren und es ist auch nicht so klar, was “langsam” bedeutet. Genau dies wird in der Arbeit erstmals im Sinn einer Eingrenzung gemacht. Dabei liefert neben den erwähnten Daten aus den letzten 500 000 Jahren die Erforschung der grossen Klimaveränderungen vor 50 Millionen Jahren entscheidende Hinweise. Zwar sind die Daten aus dieser Zeit ungenau, dies wird jedoch durch die Grösse der damaligen Veränderungen aufgewogen, sodass sich ungefähr dasselbe Signal/Rauschverhältnis ergibt wie bei den oben genannten jüngeren Daten.

Die Resultate dieser Analyse sind sehr besorgniserregend: die heute erreichte CO2 Konzentration von 385 ppm ist bereits im gefährlichen Bereich. Sie reicht aus, einen weiteren Temperaturanstieg von 2 Grad auszulösen, mit gefährlichen und vor allem irreversiblen Veränderungen, z.B. einen Meeresspiegelanstieg um mindestens mehrere Meter. Die Daten aus der Erdgeschichte zeigen, dass Anstiege des Meeresspiegels mit 1 m in hundert Jahren überraschend schnell erfolgten, obwohl die Aufheizungskraft (der englische Fachausdruck dafür ist”forcing”, im Deutschen wird “Antrieb” verwendet) wesentlich kleiner war als heute. Man muss es deshalb als wahrscheinlich betrachten, dass das Abschmelzen der Eisschilde innerhalb der Zeitskala von 100 Jahren und nicht wie bisher vermutet von 1000 Jahren erfolgen wird. Sobald die Desintegration der Eismassen in Gang gekommen ist, können die Veränderungen sogar innerhalb von 10 Jahren substantiell sein. Dies ist nur ein Beispiel von vielen weiteren, die in der Publikation von Hansen erläutert werden.

Aus all dem folgt: Das Ziel muss sein, die CO2 Konzentration gegenüber dem heute erreichten Wert wieder auf ca 350 ppm zu reduzieren und das inzwischen unvermeidliche Überschiessen so kurz wie möglich zu halten. Das sind wesentlich gravierendere Folgerungen als sie vom IPCC aufgestellt werden. Die Diskussion der Arbeit von Hansen et al in RealClimate zeigt, dass seine Argumente auch von den anderen Spitzenforschern sehr ernst genommen werden.

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Jim Hansen - eine Stimme auf die man hören sollte – hier bei einem seiner Auftritte vor dem US Kongress. (Warum wohl wird über ihn weniger geschrieben als über substanzlose Zweifler und Pseudoforscher wie Lomborg)

Autor: Klaus Ragaller

Artikel gespeichert unter: Klima

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